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Legal Tech-Startup

Wie Legal Tech-Startups arbeiten und was Kanzleien von ihnen lernen können

Legal Startups wie ‚myRight‘, ‚flightright‘, ‚geblitzt.de‘ etc. haben sich seit einigen Jahren erfolgreich am Markt der Massenverfahren etabliert, neue Wettbewerber kommen kontinuierlich hinzu. Ihr Geschäftsmodell ist einfach: Sie sammeln eine bestimmte Art von Rechtsfällen wie z. B. Fluggastentschädigungen oder Klagen gegen Dieselautohersteller und arbeiten diese automatisiert mit der Unterstützung von Software ab. Aber wie erleichtert bzw. automatisiert Software die Fallabarbeitung? Und was können traditionelle Anwaltskanzleien von der Arbeitsweise der Legal Tech-Startups lernen?

Wie arbeiten Legal Tech-Startups und was ist ihr Erfolgsgeheimnis?

Erfolgreiche Legal Tech-Startups haben folgendes Geschäftsmodell: Sie konzentrieren sich auf einen speziellen Rechtsfall und sammeln davon so viele wie möglich. Dazu schalten Legal Tech-Unternehmen Anzeigen auf Google und in den sozialen Netzwerken, um potenzielle Mandanten zu finden. (Über Online-Formulare können Kunden ihre Daten und Dokumente hochladen sowie eine Vollmacht unterschreiben.)

Diesen potenziellen Mandanten nehmen Legal Tech-Startups das finanzielle Risiko ab und tragen im Extremfall die Gerichtskosten der Klage. Im Gegenzug verlangen Sie von ihren Mandanten eine Erfolgsbeteiligung am erstrittenen Wert von meist 20 bis 35 Prozent.

Für den Mandanten klingt das nach einem fairen Deal, da er keinerlei finanzielles Risiko hat  und nur gewinnen kann. Tatsächlich findet dieses Geschäftsmodell auf Verbraucherseite viel Anklang, sodass sich Legal Tech-Startups einer hohen Nachfrage erfreuen. Das Problem der Startups sind die geringen Margen. Mit einer gewonnenen Flugticketklage verdient ein Startup ca. 50 bis 150 Euro, nicht gerade viel, wenn man den administrativen Aufwand dahinter betrachtet.

Der Schlüssel liegt in der Automatisierung der Prozesse

Die Startups verdienen ihr Geld also nicht mit dem einzelnen Fall sondern mit der Masse. Um damit Geld zu verdienen, ist es essentiell, den Automatisierungsgrad zu erhöhen, um die manuelle Arbeitszeit pro Fall so stark wie möglich zu reduzieren. Diese Automatisierung wird mit Hilfe von Software erreicht. Hier kommen verschiedenste Technologien zum Einsatz, die hier anhand von drei Beispielen erläutert werden sollen:

  1. OCR Technologie (Optical Character Recognition; dt: Texterkennung): Mit Hilfe von OCR können Dokumente wie Verträge, Flugtickets, Fahrzeugscheine etc. automatisiert ausgelesen und die gewünschten Informationen (Kundenname, Flugnummer etc.) in die Kernsoftware übertragen werden.
  2. Digitale Workflows (BPM; Business Process Management): Ein weiteres Beispiel ist das Arbeiten mit automatisierbaren Workflows. Beispiel: Die Prüfung, ob eine Rechtsschutzversicherung eines Mandanten bereit ist, die Prozesskosten zu tragen kann mit Hilfe eines Workflows automatisch geschehen. Die Software sucht sich die Mandantendaten sowie die Adresse der Versicherung aus der Kernsoftware, füllt ein Template mit den Informationen aus und sendet dieses automatisch an die Rechtsschutzversicherung. Kleine Plugins werden zusätzlich eingesetzt, um Teilschritte des Workflows zu automatisieren.
  3. Plattform: Das Arbeiten auf verschlüsselten Plattformen (auch: „private Clouds“). Durch das Arbeiten auf Plattformen können Fälle gemeinsam mit Experten bearbeitet oder komplett ausgelagert werden, ohne dass vertrauliche Dokumente den Besitzer wechseln (Stichwort: Legal Process Outsourcing). Dies spart Zeit, Papier und sichert das Recht des Dokumentenbesitzers. Auch Mandanten können einen Teilzugang auf die Plattform bekommen und Dokumente direkt in ihre „E-Akte“ hochladen oder rechtliche Dokumente wie die Klageschrift per Mausklick bestätigen.

Die drei genannten Technologien können von verschiedenen Anbietern bezogen, aber auch in einem einzigen System verbunden werden. Man spricht von integrierten und automatisierten Legal Workflows.

Ersetzt die Software der Startups die Anwälte von heute?

Mit Sicherheit werden Anwälte in Zukunft weniger Mandate beispielsweise gegen VW für eine Dieselentschädigung oder gegen Lufthansa für eine Flugverspätung bekommen. Jedoch werden Ihre Jobs mittelfristig nicht von Software erledigt werden können. Dazu ist die Arbeit viel zu komplex. Legal Tech-Startups sind nur in der Lage, sehr spezifische Rechtsfälle zu automatisieren. Und selbst für diese muss irgendwann ein Anwalt vor Gericht erscheinen.

Können diese zwei Welten – die der automatisierten Legal Tech-Startups und die der traditionellen Anwälte – getrennt bleiben oder sind Synergien denkbar?

Wie können traditionelle Kanzleien von Legal Tech-Startups lernen?

Fakt ist, dass Legal Tech-Startups nicht ohne Anwälte überleben können, denn spätestens wenn es vor Gericht geht, brauchen Sie einen physischen rechtlichen Vertreter und können keinen Computer vor Gericht schicken.

Aber auch traditionelle Kanzleien können von Legal Tech-Startups lernen. Gerade in Zeiten, in denen es sehr schwer und kostspielig ist, wirklich gute qualifizierte Arbeitskräfte zu finden macht es Sinn, sich über Digitalisierung und Automatisierung Gedanken zu machen. Würde es Ihnen nicht schon viel Arbeit sparen, wenn Rechnungen automatisch erstellt würden, alle Ihre Unterlagen im E-Archiv „ergooglebar“ wären oder wiederkehrende Briefe wie Mahnungen oder Vollmachten automatisch erstellt und ausgelesen werden könnten?

Es empfiehlt sich an dieser Stelle, klein anzufangen, Vertrauen in die Technik zu gewinnen und mit ihr zu wachsen. Ein Workshop, bei dem man seine eigenen Potentiale erschließen kann und gleichzeitig Zugang zu Legal Tech-Software-Produkten erhält, ist ein guter Weg, um für sich selbst und seine Kanzlei herauszufinden, inwieweit Legal Tech und Legal Software einen Mehrwehrt bringen können. Die Auswahl eines starken Softwarepartners, der langjährige Erfahrung im digitalen Kanzleimanagement hat,  ist genauso wichtig wie der Wille, die Vorteile der Digitalisierung für sich nutzen zu wollen.

Die Frage ist meistens nur: Wie weit möchte ich mich digitalisieren und wo fange ich am besten an. Dass die Digitalisierung die Arbeit erleichtert sowie Zeit, Papier und Kosten spart, steht außer Frage.

Foto: Fotolia.de/wowomnom

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