Was ist Legal Tech?

Hier finden Sie eine Definition des Begriffs „Legal Tech“ und einen ersten Einblick in die Möglichkeiten, die sich Kanzleien mittels Digitalisierung bieten.

Legal Tech ist in aller Munde, doch was genau verbirgt sich hinter dem Begriff? Das Wort setzt sich aus „legal services“ und „technology“ zusammen und bezeichnet die Digitalisierung der juristischen Arbeit. Dabei sollen einzelne Arbeitsprozesse, aber auch ganze Rechtsdienstleistungen, vermehrt automatisiert ablaufen, um eine Effizienz- und Qualitätssteigerung zu erzielen und somit auch Kosten einzusparen.

Legal Tech zeichnet sich dabei nicht immer durch besonders anspruchsvolle oder hochentwickelte IT-Technologie aus. In der Praxis können auch „einfache“ Anwendungen (z. B. mit Microsoft-Excel) erste Ansätze für Legal Tech sein. Vielmehr steckt hinter dem Begriff Legal Tech auch eine spezifische Herangehensweise, bei der Rechtsberatung nicht mehr als individuelle Dienstleistung, sondern als (teilweise) skalierbares Produkt gesehen wird.

Hier finden Sie die wichtigsten Legal Tech-Begriffe im übersichtlichen Glossar

Diese Bereiche wird Legal Tech verändern

Umgesetzt wird Legal Tech meist mit Software und Online-Diensten, die von etablierten Unternehmen, aber auch zu großen Teilen von Startups, aber auch von Rechtsanwaltskanzleien intern entwickelt werden. Unterscheiden kann man dabei zwischen:

Anwendungen, die Anwälte und Anwältinnen bei der Arbeit unterstützen
(z. B. Software zur Dokumentenverwaltung, Kanzleiorganisation, Online-Datenbanken)

Technologien, die die Arbeit von Juristen und Juristinnen in einzelnen Bereichen (teil-)automatisieren
(z. B. Dokumenten-
analyse-Tools
, Vertragsgenerato-
ren.
 oder Chatbots)

Plattformen, die Anwälte und Anwältinnen untereinander oder mit Mandanten vernetzen.
(z. B. Anwalts-
marktplätze
, Kollaborationsnetzwerke)

Online-Rechtsdienstleistungen und innovative Geschäftsmodelle,
die gesteigerten Zugang zum Recht ermöglichen.

Zeitersparnis durch Legal Tech

Nachdem die Anwendungen, die Rechtsanwälte und Rechtsanwältinnen bei ihrer Arbeit unterstützen (1.) schon länger Einzug in deutsche Kanzleien gefunden haben, wächst insbesondere der Bereich von Legal Tech, der die Automatisierung von Arbeitsabläufen ermöglicht. Prädestiniert dafür sind die Bereiche, die standardisiert ablaufen, wie zum Beispiel die Vertragserstellung oder das Verfassen einer Klageschrift. Beispiele hierfür sind Legal SmartDocuments, eine interaktive Plattform, die eine dialogbasierte, eigenständige Erstellung von Verträgen und weiteren Rechtsdokumenten ermöglicht oder Lawlift, mit deren Software Kanzleien und Rechtsabteilungen intelligente Vorlagen erstellen, nutzen und zentral aktualisieren können.

Insgesamt ermöglicht derartige Software Zeitersparnis, die Juristen und Juristinnen in Aufgaben und Bereiche investieren können, die nicht standardisierbar sind. Dazu gehören die Beratung und der Austausch mit Mandanten oder die Bearbeitung komplexer Rechtsangelegenheiten.

Mandantenakquise mit Legal Tech

Technik und Digitalisierung kann auch bei der Mandantenakquise hilfreich sein. Für Anwaltskanzleien bietet sich ein breites Spektrum an Plattformen, auf denen sie sich präsentieren und online Fälle abwickeln können, sodass Mandate ortsunabhängig werden. Auf Websites wie anwalt.de oder advocado wird meist nicht nur der Kontakt zwischen Mandant und Anwalt hergestellt:

Neben der digitalen Fallbearbeitung bietet sich auch die Möglichkeit, Interessenten über das eigene Rechtsgebiet zu informieren, eigene Beiträge zu veröffentlichen und einzelne Rechtsdienstleistungen anzubieten (z. B. die Erstellung eines Rechtsdokuments oder die Beantwortung einer einzelnen rechtlichen Frage). Diese isolierten Rechtsdienstleistungen sind nicht an eine vollständige Mandatsübernahme geknüpft und werden zum Festpreis angeboten. Dabei handelt es sich um sogenannte Rechtsprodukte, welche sich bei Rechtsuchenden, aufgrund großer Transparenz und Einfachheit zunehmender Beliebtheit erfreuen.

Vernetzung mit anderen Anwaltskanzleien

Neben dem Kontakt zu potenziellen Mandaten durch Legal Tech-Plattformen spielt auch die Vernetzung von Anwältinnen und Anwälten untereinander eine maßgebliche Rolle. Die entsprechenden Portale ermöglichen das einfache Outsourcing von Arbeitsprozessen, Terminsvertretung, Vernetzung von rechtlichem Know-how etc. Websites wie Digitorney stellen ein weltweites Netzwerk an Anwälten und Anwältinnen zur Verfügung, die bei internationalen Rechtsfragen zu Rate gezogen werden können. Unternehmen wie Axiom vermitteln Jursiten und Juristinnen projektbezogen in Voll- und Teilzeit an Unternehmen.

Neue Geschäftsmodelle zur Durchsetzung von Verbraucherecht

Portale wie flightright.de oder geblitzt.de haben die Digitalisierung genutzt, um Rechtsberatung nahezu vollständig zu automatisieren, und zwar bei den Fällen, die hundertfach und immer wieder in ähnlicher Weise vorkommen. Das ist bei der Durchsetzung von Fluggastrechten der Fall, wie auch bei Bußgeldbescheiden. Von der Datenaufnahme bis hin zum Antrag auf Schadenersatz wird alles von der jeweiligen Software übernommen. Anwälte und Anwältinnen kommen nur dann zum Einsatz, wenn der Fall vor Gericht geht.

Aber auch immer mehr Anwaltskanzleien gründen eine eigene GmbH und bieten eigene Rechtsprodukte/Rechtsdienstleitungen zum Festpreis wie Beratungspakete oder Vertragsgeneratoren an.

Legal Tech in der Rechtsprechung

Bisher gibt es nur wenige Entscheidungen aus der Rechtsprechung zu Legal Tech-Anwendungen. Zwei wichtige Verfahren aus den letzten Jahren sind das weniger-miete.de Urteil des BGH, in dem der BGH erbrachte Inkassodienstleistungen von Legal Tech-Unternehmen als zulässig beurteilte, sowie das aktuell noch laufende Verfahren zu dem Vertragsgenerator smartlaw. Nachdem das LG Köln den Vertragsgenerator als erlaubnispflichtige Rechtsdienstleistung betrachtete, die nur Anwälte und Anwältinnen erbringen dürfen, kippte das OLG Köln das Urteil im Berufungsverfahren und erklärte den Vertragsgenerator für zulässig. Im Juni 2021 wird die Entscheidung des BGH erwartet.

Aufgrund der oft noch unklaren Rechtslage ist es wahrscheinlich, dass sich Gerichte in den nächsten Jahren vermehrt mit der Zulässigkeit von Legal Tech-Anwendungen beschäftigen werden. Auch das anwaltliche Berufsrecht und die damit zusammenhängende Gesetzgebung wird Stück für Stück an die Anforderungen und Möglichkeiten von Legal Tech angepasst. Eine ausführliche Übersicht zur Legal Tech-Rechtsprechung bietet die Forschungsstelle Legal Tech an der Humboldt Universität zu Berlin.

Legal Tech in Wissenschaft und Forschung

Schon länger widmet sich auch die Forschung den Fragen rund um Legal Tech und Digitalisierung des Rechts sowie der Justiz. Dabei gibt es in den Rechtswissenschaften eine Strömung, die schon seit über 20 Jahren die Wechselwirkungen zwischen Digitalisierung und Recht erforscht: die Rechtsinformatik. Während die Strömung Legal Tech ihren Ursprung in der Rechtspraxis hat, ist die Rechtsinformatik eher wissenschaftlich orientiert. Stück für Stück entsteht zwischen diesen beiden Bereichen ein Austausch.

Forschungsfragen der Rechtswissenschaften rund um Legal Tech (Auswahl):

  • Wie können Künstliche Intelligenz und Algorithmen Rechtsurteile beeinflussen?
  • Kann Legal Tech den Zugang zum Recht erleichtern?
  • Welche Möglichkeiten bietet die Blockchain-Technologie für die Durchsetzung von Recht (Smart Contracts)?
  • Inwieweit sollte Legal Tech reguliert werden (Datenschutz, Berufsrecht, Vertragsrecht)?
  • Möglichkeiten und Risiken von Predictive Policing
  • Möglichkeiten und Risiken von Smart Sentencing
  • Legal Tech und Rechtsethik
  • Umgang mit Big Data
  • Strafrecht und Digitalisierung: Wie kann Cybercrime erfasst werden? Welche neuen Methoden der Strafverfolgung sowie der Kriminalitätsprävention bietet Legal Tech?

Die Forschung rund um Legal Tech zeichnet sich vor allem durch ein hohes Maß an Interdisziplinarität aus. Neben der Informatik gibt es auch Berührungspunkte mit der Linguistik, Psychologie, Philosophie, Mathematik und den Wirtschaftswissenschaften.

Legal Tech in der Juristenausbildung

Im Zusammenhang mit der Legal Tech-Forschung stellt sich auch die Frage, wie und ob die Juristenausbildung reformiert werden muss, um den Anforderungen moderner Rechtsberatung und Rechtsprechung zu genügen. Hierzu wurden ebenfalls bereits erste Studien veröffentlicht. Auch wenn Legal Tech noch nicht Pflichtbestandteil der Juristenausbildung ist, gibt es an zahlreichen Universitäten in Deutschland bereits umfangreiche Wahlpflichtangebote rund um Legal Tech und die Digitalisierung der Rechtsberatung.

Hierzu zählen u. a. die rechtswissenschaftlichen Fakultäten der Universität zu Köln, der LMU München, der Humboldt-Universität zu Berlin sowie der FAU Erlangen-Nürnberg. Dabei tragen studentische Legal Tech-Initiativen wesentlich dazu bei, dass die wissenschaftliche Lehre mit berufspraktischen Lehrangeboten ergänzt wird. Hierzu zählen zum Beispiel Projektgruppen, Workshops, Podcasts, Wettbewerbe oder Vorlesungsreihen. Eine Übersicht der studentischen Legal Tech-Initiativen in Deutschland gibt es auf mkg-jura-studis.de.

Seit dem Wintersemester 2020/21 bietet die Universität Passau als erste Universität Deutschlands den interdisziplinären Bachelorstudiengang Legal Tech an. An der Universität Regensburg kann man den einjährigen Masterstudiengang L.L.M. Legal Tech studieren.

Die Zukunft mit Legal Tech

  • Das Berufsbild und Selbstverständnis von Juristinnen und Juristen verändert sich: Sie sind mehr für individuelle Rechtsfragen zuständig, statt für standardisierte Dienstleistungen wie Testamenterstellung, Dokumentanalyse etc.
  • Legal Tech ermöglicht effizienteres Arbeiten durch Automatisierung von Standardprozessen.
  • Kompetenzen wie technisches Verständnis oder unternehmerisches Denken werden immer wichtiger.
  • Der Wettbewerb und Preisdruck steigt, weil Technik günstigere Preise zulässt.
  • Neue Vergütungsmodelle schaffen mehr Transparenz.
  • Lokal ungebundenes Arbeiten wird möglich.

Es gilt, zu verstehen, dass Legal Tech die Rechtsbranche und das Berufsbild von Anwältinnen und Anwälten bereits heute verändert. Der Einsatz von Technik führt dabei dazu, dass Rechtsrat effektiver, transparenter und kostengünstiger bereitgestellt werden kann. Die Entwicklungen stehen gerade erst am Anfang, daher ist es sehr wichtig, sich mit Legal Tech und den Chancen für den Anwaltsberuf auseinanderzusetzen, um auch in Zukunft erfolgreich zu sein.

Lesetipps

Legal Tech für Einsteiger

Legal Tech-Verzeichnis 2021

Legal Tech-Umfrage 2020

Legal Tech-Magazin 02/20

Expertenstimmen

„Legal Tech ist Jura aus dem Automaten.“

Martin Fries, Privatdozent an der Juristischen Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität München

„Legal Tech beschreibt den Einsatz von modernen, computergestützten, digitalen Technologien, um Rechtsfindung, -anwendung, -zugang und -verwaltung durch Innovationen zu automatisieren, zu vereinfachen und – so die Hoffnung – zu verbessern.“

Hartung/Bues/Halbleib, Legal Tech, 2018, S. 7 Rn. 17

„Legal Tech ist Software, die unmittelbar in der juristischen Leistungserbringung eingesetzt werden und Teile der bislang durch Menschen vorgenommenen Tätigkeiten ersetzen kann.“

Markus Hartung, Legal Tech-Experte und Geschäftsführer der Legal Tech-Kanzlei Chevalier

„Legal Tech im Bereich des Verbraucherrechts beschreibt eine moderne Art der Rechtsdienstleistung. Neben der Verwendung digitaler Kommunikationsmittel besteht die größte Veränderung zu herkömmlichen Rechtsdienstleistungen in der Verwendung anderer Geschäftsmodelle wie z. B. der erfolgsabhängigen Vergütung der Rechtsdienstleistung. Dabei wird das Kostenrisiko auf Basis von Technologie und Daten eingeschätzt und vom Mandanten auf z. B. das Legal Tech-Unternehmen übertragen.“

Marco Klock, CEO & Gründer von Atornix

„Legal Tech ist ein Sammelbegriff, unter dessen Dach sich viele Anbieter tummeln. M.E. sollte immer kritisch der Nutzen hinterfragt werden. Nicht das Tool, sondern das Ergebnis zählt. Und der Mensch (Mandant) steht im Mittelpunkt. Neue Technologien als Chance sehen, die Qualität zu verbessern und für Anwalt und Mandant das Leben leichter zu gestalten.“

Ilona Cosack, ABC AnwaltsBeratung Cosack und Autorin u. a. der Broschüre „Legal Tech für Einsteiger“ und des Buches „Digitalisierung erfolgreich umsetzen – Ein Leitfaden für jede Anwaltskanzlei“

Blogbeiträge

Die LEGAL LIVE, auch bekannt als Legal Revolution, brachte vom 23. bis 25 März 2021…

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Im Jahr 2019 hatte der BGH der Legal Tech-Branche mit der „wenigermiete.de“-Entscheidung (Urteil vom 27.11.2019…