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Von der Kneipe in die Kanzlei – Das 2. Legal Tech Meetup NRW

Beim zweiten Legal Tech Meetup NRW am 19. Februar fanden sich sowohl Juristen als auch Techies zusammen. Die wohl wichtigste Botschaft: Legal Tech muss nicht gleich Künstliche Intelligenz sein, sondern fängt schon bei einer durchdachten Digitalisierungsstrategie für die eigene Kanzlei an.

In der Kölner Anwaltskanzlei Wilde Beuger Solmecke (WBS) herrschte lockere Feierabendstimmung. In dieser Hinsicht unterschied sich diese Folgeveranstaltung nicht vom ersten Legal Tech Meetup NRW, der im Sommer 2017 im Brauhaus Früh am Kölner Dom mit 35 Teilnehmern stattfand. Die unterschiedlichen Perspektiven der Vortragenden versprachen Legal Tech in seiner gesamten Vielfalt: Datenschutz, Bildung, Anwaltsmarketing, Mandantenbindung, Suchmaschinenoptimierung. Auch grundlegende juristische Themen, wie Rechtsstaatlichkeit, wurden an diesem Abend diskutiert.

Künstliche Intelligenz braucht Rechtsstaatlichkeit

Paul Nemitz (Direktor für Grundrechte und Rechtsstaatlichkeit in der Generaldirektion Justiz und Verbraucher der Europäischen Kommission).

Paul Nemitz, Direktor für Grundrechte und Rechtsstaatlichkeit in der Generaldirektion Justiz und Verbraucher der Europäischen Kommission, sprach über die Regulierung von künstlicher Intelligenz auf EU-Ebene. Am 25. April wird die EU-Kommission ein Papier veröffentlichen, das dafür konkrete Richtlinien empfiehlt.  Die Gesellschaft brauche einen „Algorithmen-Kindergarten“, um Technologie zu erproben und sie mit Grundprinzipien wie Rechtsstaatlichkeit, Demokratie und Grundrechten zu vereinbaren. Mit der kommenden DSGVO, die am 25. Mai in Kraft tritt, sei ein erster Schritt getan.

Kanzleiblog als Mittelpunkt der Digitalisierungsstrategie

RA Christian Solmecke – Mitorganisator des Meetup – verriet, wie er mit digitalem Marketing seiner Anwaltskanzlei starken Umsatz bescherte. In seiner Strategie ist der Kanzleiblog Dreh- und Angelpunkt. Wer darin aktuelle Themen juristisch beleuchtet, hat eine gute Chance, von den Medien – und somit auch von potentiellen Mandanten – als Experte wahrgenommen zu werden. „Ich möchte auf der Welle mitschwimmen und beobachte morgens die Themen des Tages. Fast alles kann man um ein juristisches Statement veredeln. Journalisten haben in der Regel keine Ahnung, wie ein Sachverhalt juristisch zu bewerten ist. Die sind froh, wenn ihnen ein Jurist hilft.“ Auch wenn Solmecke kostenlos Interviews gibt, macht er dies nicht ohne Gegenleistung: Vom Redakteur fordert er immer einen sogenannten Backlink, eine Verlinkung der Kanzleiwebseite im jeweiligen Medium. Ein Backlink auf einer bekannten Nachrichten-Webseite ist für das Suchmaschinenranking Gold wert.

Mit Newsletter, YouTube & Co. Nutzen für Mandanten schaffen

Ähnliches gilt für Social Media: Solmecke empfahl seinen Kolleginnen und Kollegen bei brisanten Fällen, direkt aus dem Gerichtssaal zu twittern: „Seid stets die ersten, die ein Thema verbreiten.“ Weitere Eckpfeiler seiner Strategie sind nützliche Tools für Mandanten, wie der DSGVO-Generator. Der Erfolg gibt ihm Recht: Seine Kanzleiwebseite zählt aktuell etwa 300.000 Besucher pro Monat. Laut Solmecke lohnt es sich auch, einen Newsletter rauszuschicken: „Unterschätzt die Macht eines Newsletters nicht, auch wenn manche sagen: Das ist was von gestern!“ Inzwischen wird der Newsletter seiner Kanzlei maschinell erstellt. Solmecke tummelt sich natürlich auch auf YouTube. Der Kanal der Kanzlei besitzt mittlerweile etwa 200.000 Fans.

Ein prallgefüllter Seminarraum in der Kanzlei Wilde Beuger Solmecke

Messen, analysieren und verbessern ist das A und O

„Das alles ist an sich langweilig. Spannend ist ja, wie viel Geschäft bei all diesen Maßnahmen herauskommt. Und ich kann sagen, ich habe zum Beispiel 10.000 Mandanten über YouTube generiert“, erklärte Solmecke. Wie lässt sich das messen? Im Abspann eines jeden YouTube-Videos hat Solmecke eine Telefonnummer eingebaut, die nur dort zu sehen ist. „Macht keine Marketing-Aktion, die ihr nicht messen könnt. Es hat keinen Zweck, Geld in etwas reinzuballern, wenn ihr nachher nicht messen könnt, ob euch das was gebracht hat.“ Von SEO bis hin zu YouTube sei dies eine essentielle Voraussetzung. Zum Schluss stellte Solmecke sein in neuer Auflage erschienenes Buch „Recht im Online-Marketing“ vor und verriet, welche Maßnahme ihm absolut nichts gebracht hat: „Ein völlig unauthentisches und teures Angeber-Image-Video.“

Legal Tech braucht digitale Grundversorgung

Christina Kampmann, Digitalisierungsbeauftragte der SPD.

Christina Kampmann, Landtagsabgeordnete in NRW und Digitalisierungsbeauftragte der SPD zeigte, was die Politik für die Verbreitung von Legal Tech tut. Einer ihrer wichtigsten Appelle: Digitalisierung in der Rechtsbranche kann sich nur durchsetzen, wenn deutschlandweit die sogenannte Grundversorgung mit ausreichend schnellem Internet herrscht. Dies will die kommende Regierung bis 2025 realisieren. „Deutschland darf in der Digitalisierung nicht immer hinterher hinken“, so Kampmann.

Markus Hartung stellt das Buch „Legal Tech“ vor.

RA Markus Hartung vom Bucerius Center on the Legal Profession stellte abschließend das Buch „Legal Tech“ vor. Als bekannter Legal Tech-Vordenker wirkte er als Herausgeber am allerersten deutschen Buch zu diesem Thema mit. Bevor er auf dessen Inhalt einging, schilderte er ein Grundproblem der Anwaltschaft: „70 Prozent der Menschen in Deutschland gehen nicht zum Anwalt aus Angst vor den Kosten. Zwischen den 19- bis 28-Jährigen sind es 80 Prozent. Die junge, internetaffine Gesellschaft ist für die traditionelle Anwaltschaft verloren.“ Legal Tech fülle mit Angeboten wie „myRight“ genau diese Lücke auf.

Einen Überblick von Legal Tech-Anbietern, die günstig und einfach Zugang zum Recht ermöglichen, finden Sie auf zugang-zum-recht.de.

Legal Tech sei aber vor allem etwas für „die eigene Kanzlei“, so Hartung. Im Buch werde auch erklärt, wie man Arbeitsabläufe mit Hilfe von Technik effizienter machen könne. Die Kanzlei von Christian Solmecke sei ein Paradebeispiel dafür, wie man mit Legal Tech einen neuen Zugang zu Mandanten herstellt. Er nutze Technik gezielt, um Mandanten mehr Service zu bieten.

Eine gesamte Rezension des Buches „Legal Tech“ von Hartung/Bues/Halbleib können Sie in diesem legal-tech-Artikel nachlesen.

Bei all der Themenvielfalt hat der Meetup eines deutlich gemacht: Legal Tech ist keine Zukunftsmusik, sondern längst wesentlicher Bestandteil moderner Kanzleiarbeit.

Auf der Veranstaltung wurde auch die Kanzleisoftware Legalvisio vorgestellt, die Mitte 2018 auf den Markt kommen soll. legalvisio.de
Kölsch in der Kanzlei: Verpflegung wurde von Soldan gesponsert.

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