Tomorrow's lawyers

Richard Susskind liefert mit seinem Werk „Tomorrow’s Lawyers“ einen kritischen Blick in die Zukunft der Rechtsdienstleistung – und einen Appell an die Digitalisierung juristischer Arbeitsweisen. Das Buch erschien erstmalig im Jahr 2013. Die von mir rezensierte, zweite Ausgabe wurde 2017 veröffentlicht, eine dritte folgt im Februar nächsten Jahres. Der 1961 geborene Susskind ist britischer Jurist und Rechtswissenschaftler, der seinen Schwerpunkt in der digitalen Transformation des Rechts gefunden hat und dies auch zum Thema des Buches machte.

Zielgruppe sind alle (werdenden) Juristinnen und Juristen, die nicht bereits einen Tag nach Lesen des Buches in Rente gehen, so Susskind in seinem Vorwort.

Die Probleme und Lösungen von morgen

Zunächst wirft der Autor einen Blick auf den aktuellen Markt der juristischen Dienstleistungen und stellt fest, dass dessen Lage – harmlos formuliert – wenig zukunftsbeständig und zerbrechlicher ist, als es den Anschein haben mag. Susskind beschreibt, wie sich die Arbeit von Juristen und Juristinnen seiner Analyse zufolge verändern wird, erklärt, wodurch Veränderungen überhaupt entstehen und weshalb diese insbesondere für Kanzleien so elementar sind.

Ernüchternder Blick auf kommende Jahre

Der erste Teil des Buches beschäftigt sich mit der Aussicht auf die kommenden Jahre, die nach Susskind eher ernüchternd ist: So ist die Zeit der steigenden Honorare, hohen Auslastung und sicheren Arbeitsplätze bald vorbei und das Modell der klassischen Kanzlei bzw. des klassischen Anwalts überholt, wenn diese den Absprung in die digitale Moderne nicht schaffen. Denn Computerprogramme, künstliche Intelligenz (KI) und andere, digitale Helfer werden die Arbeit des Anwalts zumindest teilweise (günstiger) übernehmen und für Inflexibilität keinen Platz mehr zulassen. Dass die Arbeit des klassischen Rechtsanwalts aus mehr als der bloßen Recherche von Rechtsprechung und dem Erstellen von Schriftsätzen besteht, bleibt an dieser Stelle unerwähnt, hierzu aber gleich mehr.

Die Anwaltschaft von morgen 

Im zweiten Part wirft Susskind einen Blick in die Zukunft und beschreibt den bevorstehenden Wandel an konkreten Beispielen: So werden etwa im Kapitel „Judges, Technology, and Virtual Courts“ und „The Future of Law Firms“ hochaktuelle Defizite, aber auch Möglichkeiten angesprochen, wie die Arbeit mithilfe von Technologien und alternativen Ansätzen moderner, mandantenfreundlicher und effizienter gestaltet werden könnte. Die bisherige Arbeitsweise von Kanzleien sei hingegen überholt; die Rechtsdienstleistungsbranche werde mittel- und langfristig die aktuellen Gewinne nicht länger halten können.

Der dritte und letzte Teil richtet sich direkt an die Anwaltschaft von morgen und behandelt moderne Ansätze der Ausbildung, der Einarbeitung im Job und neue, alternative Einsatzgebiete für Juristen und Juristinnen. Auch widmet Susskind der „KI“ sein abschließendes Kapitel. Für Berufseinsteiger oder Studierende, die nach Abschluss der Ausbildung einer Vielzahl von Bewerbungsgesprächen entgegensehen, hat Susskind eine Auswahl an Fragen formuliert, die ein Bewerber dem Unternehmen bzw. der Kanzlei hinsichtlich ihrer Zukunftsstrategie und der eigenen Rolle innerhalb der Kanzlei stellen kann (versehen mit einer gutgemeinten Warnung, bitte nicht die „volle Ladung“ an Fragen auf den Gesprächspartner loszulassen). Ein Beispiel für solche Fragen wäre: „Wie wird Ihr Angebot der Rechtsdienstleistung (im Original: „legal service“) im Jahr 2036 aussehen?“ oder „Welche Rolle spielen Digitalisierung und Technologie in Ihrer Kanzlei/Ihrem Unternehmen?“.

Legal Tech nimmt eine zentrale Rolle in „Tomorrow’s Lawyers“ ein und macht es – zumindest für mich – nicht zuletzt deshalb äußerst lesenswert. Susskind beschränkt sich nicht nur darauf, die Wichtigkeit der Automatisierung von juristischen Tätigkeiten zu erörtern, sondern gibt konkrete Beispiele, die aktuell sowie in der Zukunft für Rechtsdienstleister wichtig werden: Von Dokumentenmanagement-Systemen bis hin zu digitalen, fachbezogenen Lern-/ und Austauschplattformen oder Programmen, die nach Eingabe der benötigten Informationen und Daten des vorliegenden Falles, automatisch einen ersten Entwurf eines Schriftsatzes produzieren, welcher dann im nächsten Schritt durch den Rechtsanwalt oder die Rechtsanwältin geprüft und erweitert wird.

(Schreib-)Stil

„Tomorrow’s Lawyers“ wurde leider nie ins Deutsche übersetzt und auch als solide Englisch-Leserin musste ich die ein oder andere Passage zweimal lesen, um sie vollends verstehen zu können. Dennoch ist der dynamische Schreibstil klar, strukturiert und an den richtigen Stellen mit einem Augenzwinkern pointiert, sodass man schnell in den Lesefluss findet und bald vergisst, dass es sich hier nicht um die Muttersprache handelt. Mit seinen knapp 200 (kleinen) Seiten wirkt Susskinds Credo einige Male repetitiv, was mich aber nicht weiter störte.

Kritik

Susskind zeigt Probleme und Defizite auf, aber – was mir persönlich wichtiger ist – vor allem Lösungen, Strategien und Vorschläge. So benennt Susskind Aufgabenfelder, deren Bearbeitung aktuell (zu) viel Zeit in Anspruch nimmt, jedoch smarter und ohne Aufwendung von billable hours auch kosteneffizienter gelöst werden könnten. Und dass die Beliebtheit des Fax-Geräts in der (deutschen) Justiz leider kein reines Vorurteil ist, liegt auf der Hand.

Zwar ist das Buch an Kanzleien und juristische Dienstleister aus aller Welt gerichtet (jedenfalls differenziert Susskind nicht nach den unterschiedlichen, nationalen Begebenheiten), dennoch ist klar, dass man die Strukturen zwar ihren Grundsätzen nach zwar global vereinheitlichen, aber eben hieraus eben keine „one-fits-all“-Lösung generieren kann. Und darin liegt auch ein Kritikpunkt: Auf dem Parkett der Rechtsdienstleistung tanzen eben nicht nur internationale Wirtschaftskanzleien und der Takt, nämlich das nationale Prozessrecht, ändert sich über die Landesgrenze hinweg. Die von Susskind vorhergesagten rein virtuellen Gerichtssäle sind wohl nichts, womit wir in Deutschland so schnell rechnen können, was – so finde ich – auch gar nicht so schlecht ist.

Das Buch greift bewusst die – polemisch gesprochene – Achillessehne von Juristen und Juristinnen an: ihre ewig währende und unveränderliche Daseinsberechtigung. Womit ich keinesfalls sagen will, dass ich mir eine (zivile) Welt ohne Anwaltschaft, Richter, Staatsanwaltschaft und Co. vorstellen kann. Aber auch die Rechtsdienstleistung darf sich  bei aller Beständigkeit und Tradition nicht in übermäßiger Sicherheit wiegen, die sie so daran hindert, sich der modernen, digitalen, dynamischen Arbeitswelt zu öffnen und mit dieser Schritt zu halten.

So sinnvoll es ist, „Tomorrow’s Lawyers“ zu lesen und zu verinnerlichen, denke ich persönlich, dass der prophezeite Untergang der „klassischen Kanzlei“ nicht oder zumindest nicht in der dargestellten Form eintreten wird. Während Susskind insbesondere bei der (Kosten-) Effizienz von Kanzleien ansetzt, vernachlässigt er an dieser Stelle die Tatsache, dass Juristinnen und Juristen in erster Linie ihren Mandanten und Mandantinnen mit Rat und Tat zu ihrem Recht verhelfen – außergerichtlich oder in einem Prozess. Und die Wahrnehmung dieser zentralen Aufgabe kann eben zum allergrößten Teil nicht ausgelagert oder digitalisiert werden und bleibt unerlässlich, um den Bürgerinnen und Bürgern den Zugang zum Recht zu gewährleisten. Daher sollte dieses Buch nicht als Abschreckung, sondern vielmehr als Motivation und Inspiration gelesen werden, die eigenen Fähigkeiten – als Jurist bzw. Juristin innerhalb oder außerhalb eines Kanzleigefüges – auszuweiten und über den berühmten Tellerrand hinwegzuschauen.

Tomorrow's Lawyers

Richard Susskind (Autor), Tomorrow’s Lawyers – an Introduction to Your Future

Oxford University Press, 2017, ISBN 978-0-19-879663-3, 240 Seiten

Hier direkt beim Buchhändler Ihrer Wahl bestellen: 

 

     

Bild: ©Oxford University Press