Open/Close Menu Wie Anwälte neue Chancen nutzen
Anwälte IT-ler

Die Zusammenarbeit zwischen Experten unterschiedlicher Disziplinen ist zunehmend unerlässlich – und herausfordernd. Wer mit der richtigen Grundhaltung die Zusammenarbeit beginnt, sich öffnet und erste, überschaubare Schritte geht, wird bald Erfolge sehen. Dieser Beitrag gibt Tipps für Ihren eigenen Start.

IT ist längst omnipräsent – von Smartphone, der eAkte auf dem Tablet, über E-Mail, das beA bis hin zu Automatisierungslösungen: Wir alle nutzen diese Technologien täglich. Dabei geht es um eine neue Art der Kommunikation und neue Werkzeuge, nicht hingegen um eine Revolution. Vor neuen Anbietern brauchen wir uns nicht zu fürchten, wir sollten sie respektieren. Sie würden uns nur „wegdisruptieren“ können, wenn wir stehen blieben. Doch bietet gerade die IT uns allen hier die Möglichkeit, mit vergleichsweise überschaubarem Aufwand unsere Kanzleien weiter zu entwickeln und daraus eine bessere Position im Wettbewerb zu erlangen. Hierfür müssen wir uns vor allem trauen. Und dann einen kleinen Schritt nach dem anderen gehen.

Ein Graben im Geist entzweit Jura und Technik…

In aller Regel werden wir neue technische Ansätze nicht alleine erstellen können. Das heißt, dass wir mit passenden Experten zusammenarbeiten werden. So unterschiedlich die Fähigkeiten, so unterschiedlich sind auch die Hintergründe etwa von JuristInnen und IT-lerInnen. Schnell sieht man im Geist einen breiten Graben. Doch wir können ihn als Scheinriesen entlarven, wenn wir uns gegenseitig besser verstehen lernen.

Ansätze und Hintergründe von Recht und IT sind unterschiedlich, aber dennoch vereinbar. Während wir JuristInnen in unserer Ausbildung darauf trainiert werden, Probleme zu entdecken und jede noch so feine Unterscheidung zu identifizieren, sind IT-Experten häufig vom Gedanken der Standardisierung und des elegantesten, wiederverwertbarsten Lösungsweg geprägt: Sie suchen nach Gemeinsamkeiten in den Fragestellungen, nach bereits bestehenden Lösungsansätzen. Gerne nutzen sie „design patterns“, Lösungs-Blaupausen für bestimmte Herausforderungen, als hilfreiche Bausteine im kreativen Prozess verinnerlicht.

…doch der Graben zwischen IT und Jura ist gut überwindbar

Eine solide Basis der Zusammenarbeit lässt sich trotz der Unterschiede mit einfachen Ansätzen erarbeiten. Folgende Schritte helfen dabei:

  1. sich Unterschiede bewusst machen
  2. Die Gründe für die eigene Vorgehensweise hinterfragen und diese transparent machen; dabei sowohl die Frage nach dem „Was tue ich?“, als auch „Warum tue ich das?“ und „Warum tue ich das so und nicht anders?“ beantworten.
  3. Zuhören und dem Gegenüber Fragen stellen (und so die Position und Grundlage des Gesprächspartners/ der Gesprächspartnerinbesser verstehen lernen)

Bedingung für diese drei Punkte ist die eigene Haltung: Ist man offen und neugierig, wird man schnell merken, dass es noch weitere Perspektiven gibt, andere Wege, die zum Ziel führen. Intrinsisch motiviert strebt man danach, mehr zu erfahren. Erkenntnisse aus anderen Disziplinen werden für einen selbst nutzbar.

Herausfordernd bleibt es, eine passende Übersetzung der eigenen Themen in eine für die gegenüberliegende Disziplin verständliche Sprache „zu schaffen“. Doch ist genau dies notwendig, um die jeweiligen Aufgabenstellungen zu verstehen. Eine solche Übersetzung ermöglicht es auch, ein Projekt klarer zu definieren und Timings festzulegen. Fehlt sie, werden Projekte schnell teuer. Solides Projektmanagement und frühe Tests helfen, Schwierigkeiten frühzeitig zu erkennen.

Erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen IT und Jura: Best-Practice-Beispiele

Es lassen sich viele Beispiele finden – negative ebenso wie positive. Anhand von drei Impulsen möchte ich verdeutlichen, wie Technik uns bei der juristischen Arbeit unterstützen kann (oder leider im schlechten Fall auch behindern):

  • Ein guter Ansatz sind frühe Tests. So hat die DATEV neue Funktionalitäten für Anwaltssoftware konkret mit Skizzen auf einer Netzwerkveranstaltung präsentiert und die Schritte der Nutzung mit den AnwältInnen vor Ort durchgespielt. Solche frühen Rückmeldungen sind hilfreich: Anpassungen sind durch derartiges User-Feedback in dieser Phase ohne Weiteres möglich. Ergebnis waren einige konkrete Anregungen, aber auch ein positives Gesamt-Feedback.
  • Ein glänzendes Negativbeispiel ist das beA. Ein Mammutprojekt mit komplexen Anforderungen. Die Übersetzung in eine IT-Spezifikation erscheint unzureichend. Die Lösung ist sperrig, gelegentlich instabil und übermäßig aufwendig. Mit überschaubaren Änderungen des Anforderungskatalogs hätte man die Komplexität deutlich reduzieren und auf bestehende Technologie aufbauen können. Standard-Schnittstellen hätten die Integration in Drittsoftware erleichtert.
  • Im Alltag helfen können kleine Helfer, etwa Textbaustein-Tools: In häufig auftretenden Fällen kann so eine Basis für eine Verfeinerung geschaffen werden. Während kein Fall wie der andere ist, kann ein vorformulierter Text zu einer Kündigung oder einem Verkehrsunfall etwa die Bearbeitung schneller machen und Fehler reduzieren.

Fazit: Interdisziplinäre Zusammenarbeit lohnt sich!

Am Anfang der Zusammenarbeit mit einem fremden Fach mag diese zwischen den Extremen schwanken, zwischen Freude und Leid. Doch wie in einer Beziehung gilt: Mit der Zeit tritt Gewöhnung ein, man lernt sich mit allen positiven Seiten, aber auch den kleinen Macken besser kennen. Bald weiß man genau, was man an der anderen Person hat und wie man sich auf sie verlassen kann. Und gemeinsam sind wir auf jeden Fall stärker!

Konkrete Tipps:

  • Fragen Sie ruhig interessiert nach! Wenn Ihr Gegenüber – also etwa ein(e) IT-Spezialist(in) – ernstes Interesse sieht, ist häufig auch Bereitschaft zu umfangreichen Erklärungen gegeben. Daraus ergibt sich häufig ein Gespräch, nach dem sich beide Seiten besser verstehen.
  • Versuchen Sie klar zu übermitteln, warum Sie etwas wünschen. Ein guter IT-ler wird selbst häufig nachfragen, hinterfragen. Vielleicht schlägt sie oder er eine leicht abweichende Lösung vor, die zwar nicht zu 100 Prozent Ihrer Vorstellung entspricht, doch für 80 Prozent der Fälle einen sehr stabilen und einfachen Ansatz liefert, die anderen auch noch passabel abdeckt und nur einen Bruchteil der 100-Prozent-Lösung kostet.
  • Warum tue ich das? Fragen Sie sich nicht nur, was Sie tun, sondern warum Sie es tun. Und warum Sie es genauso tun. An der einen oder anderen Stelle werden Sie dabei vielleicht selbst noch einen besseren Weg entdecken. Und in jedem Fall erleichtern Sie es der Person Ihnen gegenüber zu verstehen, wo die Herausforderung liegt. Nutzen Sie etwa die 5-Why-Methode.
  • Die offene Haltung zählt! Lassen Sie sich von neuen Perspektiven inspirieren und seien Sie neugierig. Diese Haltung werden Ihre Gesprächspartner bemerken und sich selbst auch öffnen – so gelingt ein positiver Austausch. Hilfreich ist dabei auch, sich aus dem eigenen Umfeld heraus in das jeweils Fremde aktiv zu begeben, zum Beispiel mit den betreffenden Personen Mittagessen zu gehen, sich über ganz alltägliche Dinge zu unterhalten oder gar einmal in deren Alltagsumgebung zu arbeiten, um einen Eindruck von seinem oder ihrem Umfeld zu bekommen.
  • Gemeinsam sind Sie stärker. Eine echte Zusammenarbeit wird bessere Ergebnisse liefern als eine schlichte Arbeit nebeneinander.
  • Gehen Sie kleine Schritte. Je größer und komplexer die Herausforderung, desto schwieriger ist es, das Projektmanagement gut zu steuern und die notwendige Übersetzungsleistung zu schaffen. Oft reichen ohnehin auch schon kleine Lösungen, um eine merkliche Verbesserung zu schaffen.
  • Seien Sie realistisch. Sie werden nicht auf einen Schlag alle Herausforderungen lösen. Auch und gerade in ersten Projekten wird auch nicht alles reibungslos laufen. Doch seien Sie ehrlich: Tut es dies im juristischen Alltag immer? Sich dies einzugestehen und für Probleme noch eine Übergangslösung zu haben, hilft hier ungemein. Mit etwas Geduld werden die Probleme sich lösen lassen.
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