Open/Close Menu Wie Anwälte neue Chancen nutzen
Legal Engineer

Legal Tech und die Digitalisierung des Rechts sind schon länger in aller Munde. Es besteht Einigkeit darin, dass die Digitalisierung Auswirkungen auf die Arbeit in Kanzleien und Rechtsabteilungen hat und weiterhin haben wird.
Ob jeder Jurist deswegen auch Programmierer sein muss, ob der „Coding Lawyer“ also die Zukunft der Anwaltschaft prägen, oder ob ein „Legal Engineer” ein gängiger Beruf sein wird, dieser Frage geht dieser Beitrag nach.

Neue Berufsbilder: Coding Lawyer und Legal Engineer

Spricht man über Jobs im Legal-Tech-Bereich, kommt oft die Frage auf, ob Juristen in Zukunft auch programmieren können sollten. Die Antwort ist schnell mit „Nein“ zu beantworten.

Als Personal Career Manager habe ich viele Beratungsgespräche mit hervorragenden Juristen/innen geführt, die darüber hinaus auch noch programmieren konnten. Ohne Ausnahme ist dabei deutlich geworden, dass keine der Personen diese Programmierkenntnisse beruflich anwenden kann oder muss. Weder in einer Kanzlei, noch in einer Rechtsabteilung, nicht einmal in einem Legal-Tech-Startup. Für die Softwareprogrammierung gibt es die Programmierer und für die rechtlichen Themen die Juristen. Das wird meiner Ansicht nach auch so bleiben, da die Komplexität beider Bereiche viel zu groß ist, um beides auf dem gleichen Niveau anbieten zu können.
Dass einem Juristen allerdings die vertieften Kenntnisse von Programmiersprachen enorm helfen, wenn er mit der IT zusammenarbeitet, ist unbestritten. Doch viel wichtiger, als selbst programmieren zu können, ist die Fähigkeit der Juristen, Programmierer zu verstehen, mit Programmierern eine Sprache zu finden. Um diese Fähigkeit geht es schließlich auch beim Legal Engineer.

Bereits 2017 hat Dr. Gernot Halbleib sehr treffend beschrieben (www.legal-tech-blog.de/die-rolle-des-legal-engineers-in-legal-tech-projekten), was einen Legal Engineer ausmacht. Dabei beschreibt er auch, wie die Zusammenarbeit zwischen dem Rechtsbereich und der IT idealtypisch abläuft. Das war 2017, und zum Ende seines Beitrags schreibt Halbleib optimistisch: „Der Bedarf an qualifizierten Legal Engineers besteht schon heute und wird sich verstärken.“

Arbeitgeber und Chancen auf dem Markt

Eine interessante Prognose. Wo spielen diese Berufe im Legal-Tech-Bereich aktuell überhaupt eine Rolle und welche Arbeitgeber gibt es?

Mögliche Arbeitgeber sind natürlich Kanzleien, die sich mit dem Thema beschäftigen und die in Legal-Tech-Dienstleistungen investieren. Es sind die Big 4, die eigene Legal-Tech-Lösungen anbieten. Und schließlich sind es Legal-Tech-Unternehmen selbst, deren Unternehmenszweck digitale Rechtsdienstleistungen sind. Grundsätzlich spielt Legal Tech auch für Rechtsabteilungen von klassischen Unternehmen eine Rolle. Allerdings scheitert hier die Umsetzung in die Praxis noch häufig. Gründe sind etwa die hohen Kosten, um rechtsrelevante Lösungen wie beispielsweise ein gutes Vertragsmanagement oder Fragen zum Datenschutz, zu digitalisieren. Oder die Hürde, eine neue Software in die bestehende Softwarelandschaft zu integrieren.

Und da es bisher ja auch so noch irgendwie ganz gut geht, scheint die Veränderungsbereitschaft überschaubar zu sein. Aus diesem Grund tun sich auch viele Kanzleien nach wie vor schwer, das Thema wirklich in Angriff zu nehmen. Es geht vielen Kanzleien im Moment einfach zu gut, um die Notwendigkeit zu erkennen, in Innovation zu investieren, die noch wenig greifbar und eben Zukunftsmusik ist. Darum verwundert es nicht, dass der Markt für neue Berufe aktuell noch sehr überschaubar ist. Das verdeutlichen auch die beiden folgenden Zahlen: 1244 und 0. Das sind die Trefferzahlen, die StepStone ausspuckt, wenn man Jurist (1244) oder Legal Engineer (0) eingibt. Das zeigt, dass niemand eine vermeintlich populäre Stelle wie die des Legal Engineers besetzen möchte.

Status Quo und Ausblick: Gute Gründe für neue Berufsbilder

Aufschlussreich ist des Weiteren auch ein Blick in die gängigen Social-Media-Plattformen. Man findet bei XING gerade mal 13 Personen mit der Job-Bezeichnung Legal Engineer, elf in Deutschland und jeweils eine in der Schweiz und in Österreich. LinkedIn spuckt immerhin 301 Treffer zum Legal Engineer aus, doch es fällt auf, dass ein Großteil der Personen davon im Ausland beschäftigt ist. Und was sagt uns das jetzt?
Entweder, dass in Deutschland der Dornröschenschlaf der Anwaltschaft in Bezug auf die Digitalisierung nach wie vor fortdauert, oder dass (noch) keine Notwendigkeit gesehen wird, eine extra Rolle einzuführen, für etwas, was der Jurist als Kernkompetenz mitbringen sollte: Nämlich die Kommunikation mit dem Mandanten beziehungsweise mit dem Fachbereich. Demnach würde auch im Bereich der Digitalisierung für Juristen eigentlich nichts Neues gelten: Sie müssen die Sprache des jeweiligen Fachbereichs sprechen und verstehen, um wirklich von Nutzen zu sein.

Wegen der Komplexität der Materie gibt es in Zukunft allerdings gute Gründe, einen Spezialisten wie den Legal Engineer zu nutzen, der zwischen den Anforderungen des Legal- und IT-Bereichs vermittelt. In Deutschland beschäftigen einzelne Softwareunternehmen bereits Legal Engineers, um neue Produkte für den Rechtsmarkt zu entwickeln. Ähnliche Rollen sind in der Welt der IT gang und gäbe und mit Product Ownern in unterschiedlichen Bereichen bereits etabliert.
Die Voraussetzung dafür ist jedoch, dass die Digitalisierung des Rechts konsequent vorangetrieben wird und die Chancen, die damit einhergehen, erkannt und genutzt werden. Ich bin der Meinung, dass nur Kanzleien und Unternehmen wirklich wettbewerbsfähig sein werden, die diese Chance ergreifen und sich der Digitalisierung des Rechtsmarkts gegenüber offen zeigen.

Foto: Adobe Stock/Tierney

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