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Legal Tech

So gelingt der Einstieg in Legal Tech

„Alles, was sich digitalisieren lässt, wird digitalisiert“, sagt Tobias Reinhardt. Der Rechtsanwalt und Legal Tech-Unternehmer erklärt, dass es viele Wege gibt, um seinen Zugang zur Digitalisierung zu finden – man muss es nur wollen.

Herr Reinhardt, wann haben Sie sich erstmals mit Legal Tech auseinandergesetzt und wie kam es dazu?

Legal Tech ist als Begriff in Deutschland noch sehr jung und wird durch die Anwaltschaft erst seit zirka 2016 flächendeckend wahrgenommen, obwohl die Gründung der International Legal Technology Association (ILTA) als Branchenverband bereits 1980 in den USA stattfand. Ich selbst setze mich seit nunmehr 2001 mit Digitalisierungsprozessen und internetbasierten Geschäftsmodellen auseinander. Damals habe ich ein kleines Internetunternehmen gegründet, welches im Online-Marketing aktiv war und papierlose Management-Dokumentationen für Unternehmenszertifizierungen generierte. Im Zuge meines Jurastudiums habe ich dann erstmals vor ungefähr acht Jahren mein digitales und juristisches Wissen zusammengefügt.

Die meisten Studierenden oder Berufseinsteiger werden nicht auf Erfahrungen in der Digitalisierungsbranche zurückblicken können. Wie ist der Einstieg in den digitalen Rechtsberatungsmarkt dennoch möglich?

Entscheidend ist ein frühzeitiger Interessenschwerpunkt. Dies haben auch zahlreiche Universitäten inzwischen erkannt, die ihren Studierenden deshalb neben der klassischen Juristenausbildung Angebote präsentieren, mit denen die digitalen, wirtschaftlichen und unternehmerischen Komponenten des sich wandelnden Anwaltsmarktes Beachtung finden. In diesem Zusammenhang gilt es vor allem, die Bucerius Law School in Hamburg hervorzuheben. Institute, die sich mit der Digitalisierung des Rechtsmarktes auseinandersetzen, werden derzeit auch an weiteren Universitäten ins Leben gerufen. An der Frankfurter Goethe-Universität entstand beispielsweise kürzlich ein Legal Tech Lab, an dem fachbereichsübergreifend ca. 40 Studierende der Rechtswissenschaften, Informatik und Wirtschaftswissenschaften beteiligt sind (Anm. der Redaktion: Lesen Sie auch unser Interview mit Mitgliedern des Legal Tech Labs).
Neben diesen universitären Einstiegsmöglichkeiten werden mittlerweile bundesweit Legal Tech-Meetings, Messen und Kongresse veranstaltet, die sich zum Aufbau eines Netzwerks anbieten.

Welchen Einfluss wird die neue Generation digitalisierungsaffiner Juristen auf den klassischen Anwalt vor Ort ausüben?

Sicherlich ist eine Marktverdrängung des klassischen Anwalts nicht zu erwarten, jedoch werden traditionelle Kanzleimodelle gegenüber digitalen Angeboten unter gewissen Voraussetzungen unterlegen sein.
Mandanten pflegen in ihrem privaten Umfeld zunehmend einen Anspruch an Schnelligkeit und Bequemlichkeit, dies zeigt sich beispielsweise bei der Kommunikation per WhatsApp. Die gleichen Erwartungen wird ein Mandant aufgrund seiner privaten Gewohnheiten vor Mandatierung an einen Anwalt richten und im Ergebnis das Mandant dorthin vergeben, wo ihm eine unkomplizierte, schnelle und bequeme Bearbeitung seines Anliegens versprochen wird. Die erwähnten Kriterien kann der Anbieter einer anwaltlichen Online-Plattform viel eher erfüllen als eine herkömmliche Kanzlei. Deshalb werden Mandate, die wenig einzelfallbezogen ausfallen und stattdessen standardisierbar und automatisierbar sind, zukünftig überwiegend nicht mehr an klassische Anwälte, sondern an entsprechende digitale Marktteilnehmer vergeben.
Ein Praxisbeispiel sind die Portale zur Geltendmachung von Ansprüchen aus Flugverspätungen oder zur Abwehr von Bußgeldbescheiden, die sich aus den erwähnten Gründen gegen klassische Kanzleien durchsetzen. Online-Anbieter sind aufgrund der von ihnen bearbeiteten Vielzahl gleichgelagerter Fälle ferner spezialisiert, was im Entscheidungsprozess des Mandanten das erforderliche Vertrauen hervorruft. Klassische Kanzleien und Allrounder werden hiermit nicht konkurrieren können und müssen zukünftig auf Mandate setzen, die durch hohe Individualität, Ortsabhängigkeit und Präsenztermine geprägt sind. Aber auch diese Vor-Ort-Mandate werden nicht ganz ohne Legal Tech stattfinden können, denn auch hier wird die traditionelle Anwaltstätigkeit im Druck des Wettbewerbs unausweichlich auf eine digitale Büroorganisation und Kommunikation zurückgreifen müssen. Der digitale Wandel wird somit vor keinem Anwalt halt machen.

Resultiert aus dem digitalen Wandel des Anwaltsmarktes dann sogar ein ganz neues Berufsbild?

Ja, das kann man so sehen. Neben der an Universitäten gelehrten klassischen Juristenausbildungen, rückt die Digitalwelt in den Vordergrund. In diesem Zusammenhang denke ich an den sogenannten „Legal Engineer“, durch den die juristische Tätigkeit eine Verknüpfung zu den Themenfeldern IT und Marketing erfährt. Als Legal Engineer eignet sich, wer juristische Aufgabenstellungen gedanklich und praktisch in eine technische Lösung umwandeln kann, die im Wettbewerbsdruck der Kanzleien die Effizienz steigert und Kosten senkt. Im Optimalfall ist demnach ein IT-Spezialist mit juristischen Kenntnissen gefragt. Da eine Kombination aus Informatiker und Jurist bisher nur selten in einer Person angetroffen wird, sollte dies durch Studierende und Berufsanfänger als Chance erkannt werden. Wer frühzeitig neben seinem Jurastudium einen Wissensschatz rund um Software und Online-Marketing aufbaut, wird auf dem Arbeitsmarkt gefragt sein.

Sollte Legal Tech somit ausschließlich durch Digitalisierungsenthusiasten zum Einsatz gebracht werden?

Nein, die Digitalisierung des Rechtsmarktes betrifft den gesamten Berufsstand. Die ganz überwiegende Mehrheit der Kanzleien wird zwar keinen Legal Tech-Enthusiasten in ihren Reihen haben und somit vom Aufbau eines Legal Tech-Startups absehen, dennoch sind auch für diese Kollegen Digitalisierungsmaßnahmen unverzichtbar. Wer sich jeglicher  Digitalisierung verschließt, wird durch zukunftsorientierte Marktteilnehmer überholt und verdrängt. Als unausweichlich erachte ich die Digitalisierung des Kanzleimarketings unter Beachtung der Besonderheiten des Dienstleistungsmarketings. (Anm. der Redaktion: Zusammen mit Legal Tech-Experten Ilona Cosack bieten wir das Webinar „Legal Tech für Einsteiger an.)

Welche Besonderheiten des Dienstleistungsmarketings sprechen Sie an?

Produkt- und Dienstleistungsmarketing unterliegen elementaren Unterschieden. Während Produkte sich in der Phase der Kaufentscheidung ansehen, anfassen und testen lassen, beinhaltet eine anwaltliche Dienstleistung regelmäßig eine geistige Tätigkeit, die immateriell ausfällt, also nicht sichtbar wird. Die Leistungsqualität des Anwalts bleibt in der Entscheidungsphase über die Mandatsvergabe somit im Verborgenen, was zu Unsicherheit bei potenziellen Mandanten führt. Diese Unsicherheit gilt es, für eine erfolgreiche Mandatsakquise in Vertrauen umzuwandeln (Anm. der Redaktion: Wie Sie Vertrauen bei Ihren Mandanten wecken, erfahren Sie auf kanzleimarketing.de.). Ein potenzieller Mandant wird den Anwalt beauftragen, der durch vertrauensbildende Maßnahmen zu überzeugen weiß. Die somit erforderliche Überzeugungsarbeit wird zukünftig vor allem im Internet stattfinden, da Mandant und Anwalt vor dem Erstkontakt dort aufeinandertreffen. Wer selbst kein Legal Tech-Enthusiast ist, sollte daher digitale Maßnahmen für sein Vertrauensmarketing aufgreifen. Ich denke dabei an Usability, User Experience, Social Media, hochwertigen suchmaschinenoptimierten Content, Online-Reputation-Management und ein umfassendes digitales Service-Angebot. Nur wer dies verinnerlicht, wird auch ohne echtes Legal Tech als Gewinner aus der Digitalisierung hervorgehen.

Sie haben selbst ein Legal Tech-Startup gegründet. In welchem Bereich sind Sie tätig?

Sie sprechen die JURANDO GmbH an, die ich 2017 gemeinsam mit mehreren Kollegen im Zuge der Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) auf dem Markt platziert habe. In Folge der DSGVO müssen gewisse Unternehmen einen Datenschutzbeauftragten bestellen, der nicht nur als Ansprechpartner zum Datenschutz bereit steht, sondern vor allem Mitarbeiter regelmäßig zum Datenschutz schult. Abgesehen davon bestehen zur Vermeidung von Bußgeldern insbesondere  Dokumentations- und Hinweispflichten zum Umgang mit personenbezogenen Daten im Unternehmen. Diese erwähnten Leistungen bilden wir digital ab, indem wir für unsere Kunden online einen Datenschutzbeauftragten stellen, Dokumentationspflichten über eine von uns entwickelte Datenschutz-Management-Software realisieren, DSGVO-Mustertexte bereitstellen und Mitarbeiter per E-Learning schulen. Datenschutzrechtliche Pflichten lassen sich durch diese digitale und skalierbare Lösung zeit- und kostengünstig lösen.

Welche Vorgehensweise empfehlen Sie Berufsanfängern, die ebenfalls ein digitales Geschäftsmodell planen?

Wesentliche Voraussetzung ist die Persönlichkeit des Gründers, der Mut aufbringt, um neue Wege zu beschreiten und gewagte Entscheidungen zu treffen. Abgesehen davon sollte er  unternehmerisch und kreativ denken. Erfolg beginnt somit im Kopf, erfordert daneben jedoch auch eine zielgenaue Strategie zur Umsetzung einer standardisierbaren und skalierbaren Rechtsdienstleistung, die den Kunden begeistert und sein Verlangen nach Schnelligkeit und Bequemlichkeit bedient. Wer diese Kriterien erfüllt, sollte den Startschuss geben, denn „es ist besser, unvollkommen anzupacken, als perfekt zu zögern“ (Thomas A. Edison).

Lassen Sie uns abschließend einen Blick in die Zukunft werfen. Wie sehen Sie die Entwicklung von Legal Tech in den nächsten Jahren?

Kurz und knapp: Alles, was sich digitalisieren lässt, wird digitalisiert. Lediglich nicht-standardisierbare Rechtsdienstleistungen verbleiben bei traditionellen Kanzleien. Auf der Ebene der Großkanzleien wird zudem künstliche Intelligenz zum Einsatz gebracht, die aber noch in einer frühen Phase ihrer Entwicklung steckt. Im Wettbewerb der Kanzleien sollte der  Fokus ferner auf Effizienz- und Kostenvorteile gelegt werden.

Bei langfristiger Betrachtung erscheint ein Blick in das Verkehrsrecht lohnenswert. Durch autonomes Fahren und die präzise Aufzeichnung von Fahrdaten könnte der Kern der verkehrsrechtlichen Tätigkeit zukünftig entfallen bzw. durch Software ersetzt werden.

Berufseinsteiger sollten diese digitalen Zukunftsvisionen jedenfalls als Chance verstehen, denn es war nie zuvor greifbarer, die Überlegenheit historisch gewachsener klassischer Kanzleien durch eine ausgereifte Digitalstrategie zu brechen. Dies gilt auch, weil viele Kanzleien die digitale Transformation unbeachtet lassen und strukturelle Veränderungen noch immer herunterspielen.

Das Interview führte Bettina Taylor.

Foto: Fotolia.com/Olivier Le Moal

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