Legal Nomad

Arbeiten und gleichzeitig die Welt bereisen? Genau das machen Digital Nomads. Obwohl Homeoffice und mobiles Arbeiten inzwischen auch in der Rechtsbranche Normalität geworden sind, entscheiden sich wenige Juristen und Juristinnen dazu, als Digital bzw. Legal Nomads zu leben. Su Reiter hat es gewagt: Sie ist digitale Nomadin, studiert Jura und arbeitet nebenbei als selbstständige Content-Strategin für Kanzleien und juristische Unternehmen. Im Interview verrät sie, was genau man unter einem Digital Nomad oder Legal Nomad versteht, und welche Herausforderungen es in ihrem Alltag zu bewältigen gibt.

Su, was ist dein Hintergrund bzw. was machst du genau beruflich?

Ich bin selbstständige Content-Strategin für juristische Zielgruppen und arbeite an der Schnittstelle zwischen den Neuen Medien und dem Recht.

Vor meinem Studium habe ich drei Jahre in der Medienbranche gearbeitet und in verschiedenen Medienunternehmen praktische Erfahrungen gesammelt.

Danach habe ich angefangen, Medienwissenschaft mit dem Schwerpunkt Medienrecht zu studieren. Durch dieses Studium bin ich zum ersten Mal mit der Rechtsmaterie in Berührung gekommen. Die Rechtsthemen haben mir so gut gefallen, dass ich mich für ein Jurastudium entschieden habe.

Während des Jurastudiums habe ich mich selbstständig gemacht, um einen kreativen Ausgleich zur textlastigen Lehre zu finden. Als Solo-Selbstständige unterstütze ich Jurist:innen, Kanzleien und juristische Unternehmen dabei, ihre Zielgruppen mit juristischem Content zu erreichen. Mein Schwerpunkt liegt auf juristischem SEO-Content und LinkedIn-Beiträgen zu Rechtsthemen. So verhelfe ich meiner Kundschaft zu mehr Sichtbarkeit im Internet.

Was versteht man unter einem digitalen Nomaden (Englisch: Digital Nomad) und wo liegt der Unterschied zum Legal Nomad?

Ein Digital Nomad hat das Privileg, seine Arbeit vollkommen ortsunabhängig ausüben zu können und nutzt diese Chance, um die Welt zu bereisen. Dieses Phänomen hat sich seit der Digitalisierung stark verbreitet und wird unter dem Begriff Remote Work kontrovers diskutiert.

Viele digital arbeitende Menschen möchten sich nicht mehr zwischen einer Karriere und den persönlichen Wünschen und Bedürfnissen entscheiden. Die neue Arbeitswelt ermöglicht es Beschäftigten, verschiedene Lebensrealitäten miteinander in Einklang zu bringen, etwa durch das Homeoffice, die Vier-Tage-Woche, Teilzeitarbeit, nebenberufliches Freelancing oder durch Remote-Arbeit.

Meine Selbstständigkeit war von Anfang an darauf ausgelegt, zu 100 Prozent ortsunabhängig zu sein. Da ich interdisziplinär arbeite und dabei einen juristischen Schwerpunkt verfolge, hat sich in meiner Community der Begriff Legal Nomad entwickelt.

Was waren deine Gründe, dich für ein Leben als Legal Nomad zu entscheiden?

Ich wusste damals nicht, dass es auch Berufe außerhalb der 9-to-5-Bürojobs gibt. Deshalb habe ich viele ortsgebundene Tätigkeiten ausgeübt, bis ich auf die Idee kam, mich selbstständig zu machen. Und seitdem ich Freelancer bin, kann ich mir nicht mehr vorstellen, nach dem Studium einer hundertprozentig ortsgebundenen Tätigkeit nachzugehen.

Freiheit steht für mich an oberster Stelle: Deshalb habe ich mich bewusst sehr früh dazu entschieden, mein Leben nunmehr als digitale Nomadin weiterzuführen.

Wie schätzt du die Rechtsbranche bzw. Legal Tech-Branche in Hinblick auf die Arbeit als Digital Nomad ein: Ist es gut möglich, ortsunabhängig als digitaler Nomade oder Nomadin zu arbeiten oder ist die Akzeptanz hierfür noch nicht vorhanden?

Remote Work hat sich in der Rechtsbranche noch nicht etabliert. Viele Kanzleien bemerken zwar den Wandel und setzen daher auf Hybrid-Modelle, jedoch fehlt es in der Regel oft an einem Commitment oder rechtlichen Grundlagen für diese Vorgehensweise. Ich habe den Eindruck, dass Remote Work in der Rechtsbranche nicht akzeptiert, sondern geduldet wird. Die wenigsten Kanzleien schreiben „Remote Only”-Stellen aus oder verankern Remote Work in ihren Unternehmenswerten.

Ich sehe hier eine große Diskrepanz zwischen dem, was tatsächlich zeitgemäß ist und gelebt wird, und dem, was gesellschaftlich und gesetzlich erwartet wird.

Durch die Pandemie wurde der digitale Wandel auch in Deutschland „über Nacht” umgesetzt. Seit 2020 erleben wir die Beschleunigung dieses längst fälligen Wandels.

Wie lässt sich dein Jurastudium mit dem Leben als digitale Nomadin vereinbaren?

Das Jurastudium ist an ortsgebundenen Universitäten noch immer sehr analog gestaltet. Ich habe vor der Pandemie angefangen zu studieren und durfte den digitalen Wandel der Lehre daher hautnah miterleben.

Aktuell bereite ich mich auf das Erste Staatsexamen vor und habe die Uni in den vergangenen zwei Jahren nicht besucht. Digitale Vorlesungen, Unterlagen per Mausklick, Open-Book-Klausuren – ich bin mir sicher, dass die Universitäten hier großartige Arbeit geleistet haben. Es ist schon erstaunlich, wie schnell eine digitale Lehre umgesetzt werden kann, wenn der Wille bzw. eine Verpflichtung existiert.

Anfangs bin ich noch während den Semesterferien verreist. Dafür habe ich, wenn kein passendes E-Book vorhanden war, meine Unterlagen eigenhändig eingescannt. Seitdem die Vorlesungen digital stattfinden, bin ich auch für längere Zeit verreist und habe vom Ausland aus an universitären Veranstaltungen teilgenommen.

Welche Vorteile hat das Leben als digitale Nomadin für dich?

Als digitale Nomadin steht mir die Welt offen. Zum ersten Mal habe ich den Luxus, mich ernsthaft fragen zu können, was ich eigentlich vom Leben erwarte und unter welchen Umständen ich produktiv bin.

Wenn ein Weg vorgezeichnet ist, stellt man sich diese Fragen in der Regel nicht. Man arbeitet auf etwas hin, von dem man denkt, dass es schon das richtige Ziel sein wird. Dabei basieren alle unsere Vorstellungen von Erfolg auf gesellschaftlichen Erwartungen. Auch der Weg von Jurist:innen ist oftmals vorgezeichnet. Dies kann einem viel Sicherheit geben und von der eigenen Entscheidungsfindung befreien. Es kann einem aber auch die Freiheit nehmen, einen eigenen Weg zu kreieren und diesen durch Selbstreflexion zu gestalten.

Auf Reisen lerne ich sehr viel über mich selbst. Ich erweitere meinen Horizont und steigere meine Kreativität, indem ich sehe, wie andere Menschen diese Welt erleben. Diese Erfahrungen sind durch nichts zu ersetzen und bereichern meine interdisziplinäre Arbeit.

Haben sich auch schon mal Probleme ergeben?

Die Tourismusbranche hat schon auf diesen Wandel reagiert: Es gibt unzählige Coworking und Coliving Spaces, Dörfer für digitale Nomaden und Nomadinnen, Unterkünfte mit guter Internetverbindung und Büroräumen. Aber viele private Unterkünfte sind (noch) nicht auf Remote Work ausgelegt. Digitale Nomaden und Nomadinnen müssen daher besonders darauf achten, eine gute Arbeitsumgebung für sich zu schaffen.

Eine gute Arbeitsumgebung bedeutet für mich auch eine gesunde Sitzposition, was in einigen Unterkünften eine große Herausforderung sein kann. Ich rate daher allen Reisenden dazu, sich vor Buchung mit der Ausstattung der Zimmer zu beschäftigen und notfalls eigene Hilfswerkzeuge mitzunehmen (z. B. Sitzkissen, Laptop-Ständer).

Es kann eine große Herausforderung sein, sich auf eine völlig neue Umgebung und Lebensweise einzustellen. Eingewöhnung braucht Zeit. Daher rate ich von kurzen „Workations“ ab, sondern empfehle längere Aufenthalte im Ausland.

Außerdem lohnt es sich, vorher einen Blick auf den rechtlichen Rahmen zu werfen. Wer fest angestellt ist, sollte seine Reise im Voraus mit dem Arbeitgeber abklären: Wer übernimmt die Kosten, was ist versichert und wann sind die regulären Arbeitszeiten? Es schadet nicht, zusätzlich eine Reiseversicherung abzuschließen. Wichtig ist auch die Frage, ob man weiterhin in Deutschland angemeldet sein möchte oder vorhat, auszuwandern. Wer länger als ein halbes Jahr im Ausland verbringt, sollte sich unbedingt mit Steuerfragen beschäftigen. Und in manchen Ländern kann ein Arbeitsvisum notwendig sein.

Digital arbeiten
Arbeiten wo andere Urlaub machen © Su Reiter

Wie sieht ein typischer Arbeitstag bei dir aus? Gibt es den überhaupt?

Da meine Selbstständigkeit auf vielen verschiedenen Dienstleistungen basiert, gibt es für mich keinen typischen Arbeitstag.

Es ist nahezu unmöglich für mich, eine Routine aufzubauen, auch wenn mich ein strukturierter Tagesablauf sehr entlasten würde. Die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit sind – verstärkt durch das Reisen – komplett verschwunden.

Daher eignet sich mein Lebensstil vermutlich nur für Menschen, die besonders belastungsfähig sind und diszipliniert arbeiten. Mir ist es deshalb wichtig, über mentale Gesundheit am Arbeitsplatz zu sprechen.

Welche Länder hast du in letzter Zeit bereist und welches hat dir am besten gefallen?

Ich war in Italien, in der Dominikanischen Republik, in Ägypten, in Thailand und bin aktuell an den Bergen in Südtirol. Mir hat es in der Dominikanischen Republik am meisten gefallen.

Ich durfte dort sehen, wie an nahezu jeder Straße tropische Früchte wuchsen und in der Stadt einfach spontan spanische Musik lief und die Menschen dazu tanzten. In dieser Zeit habe ich mir selbst zum ersten Mal versprochen, dass ich mir diesen Lebensstil unter allen Umständen ermöglichen will.

Welche Tipps hast du insbesondere für Jurist:innen, die gerne als Legal Nomad arbeiten wollen?

Leider sind digitale Nomaden auf dem Rechtsmarkt (noch) nicht üblich. Es wäre also falsch zu sagen, dass es einfach ist, einen 100%-Remote-Job zu finden.

Ich würde wie folgt vorgehen: Entweder man informiert sich über die Möglichkeiten in seiner Branche und versucht, ein Remote-Leben um diese Arbeit herumzubauen – oder man macht die eigenen Wünsche und Vorstellungen zur Priorität und sucht aktiv nach einem juristischen Job, der diese Freiheit gutheißt.

Eine weitere Möglichkeit ist, sich auf Traumjobs zu bewerben und anschließend im persönlichen Gespräch die Remote-Arbeitsbedingungen auszuhandeln.

All denjenigen, die mit dem Gedanken spielen, sich in der Rechtsbranche selbstständig zu machen, rate ich, es einmal nebenberuflich für sich zu versuchen. Mich hat es viel Überwindung gekostet, ins kalte Wasser zu springen, aber ich habe diese Entscheidung nie bereut.

Vielen Dank für das Interview, liebe Su!

Legal Tech Magazin 2/22

 

 

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Foto: Su Reiter