Open/Close Menu Wie Anwälte neue Chancen nutzen
Kooperation Kanzlei Legal Tech-Dienstleister

Immer häufiger hört man von Kooperationen zwischen Kanzleien und Legal Tech-Dienstleistern. So auch im Fall der strategischen Partnerschaft des Legal Tech-Anbieters VINQO und der Kanzlei Quirmbach & Partner: „Gemeinsam wollen wir die Vertretung von Unfallgeschädigten in Deutschland maßgeblich weiterentwickeln und verbessern“, sagt Quirmbach‐Partner Sven Wilhelmy. Durch die Bündelung der Kräfte erhielten Geschädigte in jeder Situation – vom leichten Schleudertrauma bis zum schwersten Polytrauma – die bestmögliche rechtliche Vertretung. Im Interview mit Sven Wilhelmy und Tim Platner von VINQO möchten wir u. a. den Fragen nachgehen, wann und für wen sich eine solche Kooperation lohnt und welche Vorteile damit verbunden sind.

Trotz des vermeintlich gleichen Mandantenstamms haben Sie sich dazu entschieden, zusammen, anstatt gegeneinander zu arbeiten. Was ist das Ziel und welche Vorteile hat das für beide Seiten?

Tim Platner: Die Antwort ist im Grunde ganz einfach: Quirmbach & Partner und VINQO bündeln Kräfte, um dadurch ein Full-Service-Angebot im Schadensbereich anbieten zu können. Während wir uns auf die Entwicklung der Software, der Plattform sowie auf die technologiebasierte Aussteuerung von Sachschäden und kleineren und mittleren Personenschäden fokussieren, konzentriert sich Quirmbach & Partner seit über 35 Jahren auf schwerste Personenschäden.

Durch die Partnerschaft können wir so vom kleinsten bis zum schwersten Personenschaden das perfekte Angebot für Mandanten auf einer effizienten Softwarebasis anbieten.

Die Überlegung der Verdrängung oder Konkurrenz ist deshalb von Beginn an nicht unsere Herangehensweise gewesen. Wir sehen die Partnerschaft als ein wichtiges Puzzleteil, das das Angebot für Geschädigte – für beide – abrundet.

Sven Wilhelmy: Dem kann ich nur zustimmen. Seit drei Jahrzehnten sammelt Quirmbach & Partner Fachwissen und Erfahrung. Diese Expertise ist an einzelne Personen gebunden und durch die eher langsamen Abläufe der klassischen, wenn auch papierlosen, anwaltlichen Aktenbearbeitung limitiert. Der Vorteil für unser Team liegt darin, dass sich wiederholende Abläufe weniger bis keine Zeit mehr kosten und unsere gesamte Energie in die Arbeit mit den Mandanten fließen kann. Durch die Kooperation mit VINQO erwarten wir uns also einen Effizienzsprung.

Wie kann man sich die Zusammenarbeit konkret vorstellen?

TP: Unsere Mission mit VINQO ist es, dass nicht der Geschädigte nach einem Verkehrsunfall das Recht suchen muss, sondern das Recht zum Geschädigten kommt. Hier kann die Entwicklung von neuen Legal Tech-Angeboten ein ganz entscheidender Hebel sein.

Ein Beispiel ist unsere Partnerschaft mit calimoto, Deutschlands erfolgreichster Motorrad-App. Mit über 2,2 Millionen Installationen und einer Community von einer halben Million Bikern. Nach einem Motorradunfall können Motorradfahrer ihren Unfall aus der App heraus an uns melden. Wir stehen sofort mit Rat und Tat zur Seite und helfen bei der Durchsetzung der Schadenersatz- und Schmerzensgeldansprüche.

Leider werden Biker bei Motorradunfällen mangels Knautschzone auch sehr schwer verletzt. Hier ermöglichen wir mit Quirmbach & Partner dann eine nahtlose, hochspezialisierte Beratung und Vertretung für Motorradfahrer aus einer Hand.

SW: Der Kern der Zusammenarbeit liegt darin, dass wir gemeinsam das gesamte Spektrum der Personenschäden abdecken können. Von Geschädigten mit leichten Prellungen und Schürfwunden, bis zum Schwerstverletzten finden Mandanten das optimale Fachwissen und den effizientesten Ablauf. Standardabläufe werden blitzschnell und nach Best Practice umgesetzt, die persönliche Beratung, rechtliche Spezialfragen und die Berechnung ganz individueller Ansprüche leisten die erfahrenen Experten und Expertinnen.

Obendrauf kommt dann noch der spontane Austausch, sei es zum Thema Reha-Dienste, Berechnungswege, Softwarefragen aber auch zu Marketing und Zukunftsstrategien sind wir in engem Austausch.

Was war der Anlass für die Zusammenarbeit? Gab es konkrete Probleme oder ineffiziente Abläufe innerhalb der Kanzlei, die Sie gerne lösen wollten?

SW: Quirmbach & Partner ist seit Jahrzehnten eine Ausnahme unter den Anwaltskanzleien. Ende der 90er waren wir bundesweit unter den ersten Kanzleien mit eigener Homepage; seit Beginn der 2000er arbeiten wir papierlos und auch strategisch sind wir mit unserer konsequenten fachlichen Spezialisierung von der „Dorfkanzlei“ bis unter die Marktführer gekommen. Die Technikbegeisterung hat uns dabei immer begleitet und Legal Tech ist für uns nur die Fortsetzung unseres Weges – so wie der Computer die Schreibmaschine und die Online-Recherche das Bücherregal abgelöst haben. Dass wir dann Tim Platner auf einem Legal Tech-Meetup kennengelernt haben, war für alle Beteiligten eine glückliche Fügung und unsere Kooperation die logische Konsequenz.

Denken Sie, dass es zukünftig weitere solcher Kooperationen zwischen Kanzleien und Legal Tech-Dienstleistern geben wird?

TP: Ich würde solche Kooperationen immer da sehen, wo entweder Softwarelösungen so diffizil zu konzipieren und umzusetzen sind, dass sie Inhouse nicht realisiert werden können oder die persönliche, anwaltliche Beratung nicht wegrationalisiert, sondern ergänzt werden soll.

Personengroßschäden nach einem lebensverändernden Unfall sind ein gutes Beispiel hierfür. In diesen Situationen zählen nicht nur die fachliche Expertise, sondern auch eine jahrelange emotionale Unterstützung. Hier sollte das beste aus beiden Welten – effiziente Software und empathischer Rechtsrat – kombiniert werden.

SW: Ohne juristisches Fachwissen sind Legal Tech-Unternehmen reine Softwarehersteller. Wie in jedem neuen Markt ist es schwer zu sagen, wo sich am Ende ein Gleichgewicht findet – ob Legal Tech eher Dienstleister der Anwaltschaft wird oder umgekehrt, oder ob beide den Markt in verschiedene Segmente teilen. Ich denke, dass Rechtsdienstleister den Vorteil haben, unternehmerisch und strategisch zu managen, was bei Kanzleien eher den Großen vorbehalten ist. Die Symbiose von Technik und Recht ist allerdings nicht mehr aufzuhalten und die Geschwindigkeit nimmt zu.

Für welche Kanzleien lohnt es sich, über solche Kooperationen nachzudenken?

TP: Die wichtigste Voraussetzung ist die Bereitschaft, sich zu verändern. Nur wenn alle Mitarbeitenden in der Kanzlei für Veränderungen begeistert werden können und Vorbehalte und existenzielle Ängste vor Rationalisierung ernst genommen werden, besteht eine gute Grundlage, hier auf Veränderungen aufbauen zu können.

Wenn die Voraussetzungen vorliegen, muss überlegt werden, ob eigene Softwarelösungen entwickelt werden sollten – hier gibt es sowohl clevere Positivbeispiele als auch finanziell katastrophale Negativbeispiele – und welches Ziel die Softwarelösung überhaupt erreichen soll. Denn Software ist kein Selbstzweck und soll nicht modernen und vor Stolz überbordenden Pressemitteilungen dienen, sondern an allererster Stelle dem Mandanten helfen: durch schnellere Ergebnisse, eine höhere Beratungsqualität oder neue Rechtsprodukte, die den Zugang zum Recht verbessern. Gibt es eine klare Vision, ein durchdachtes Konzept und das Engagement in der gesamten Partnerriege, kann eine Partnerschaft mit einem „Innovationspartner“ sehr sinnvoll sein!

SW: Ich würde sagen, jede Kanzlei, die in zehn Jahren noch existieren will, muss sich auf Legal Tech einlassen. Das können ähnliche Kooperationen sein, wie zwischen VINQO und Quirmbach & Partner, vor allem aber werden Kanzleien neue Geschäftsfelder als Knowhow-Geber und Auftragnehmer von Legal Tech-Unternehmen entwickeln und Legal Tech-Anbieter werden, so meine Meinung, sehr wertvolle Dienstleistungen für Kanzleien anbieten können.

Hat sich die Arbeit in der Kanzlei durch die Kooperation verändert? Und wenn ja, inwiefern?

SW: Wir leben und arbeiten gerade mitten im Change, in der Digitalisierung und in dem, was so wunderschön als Ambidextrie, als Beidhändigkeit beschrieben wird. Auf der einen Seite arbeiten fast 45 Menschen für unsere Mandanten, führen Verhandlungen und treten vor Gericht auf. Auf der anderen Seite treiben wir den Change mit drei konkreten Initiativen voran, die von uns drei Partnern als Product Owner begleitet werden. Zum einen ist dies ein LEAN-Projekt, das sämtliche Abläufe in der Mandatsbearbeitung optimiert, als zweites gibt es ein Projekt „optimale Softwarelösungen“, das permanent die Infrastruktur und Digitalkompetenz erhöht und die dritte Initiative ist unser „TEAM“-Projekt, mit dem wir unsere Kanzleikultur weiterentwickeln, um Motivation, Innovation und Agilität zu stärken.

Sie planen derzeit gemeinsame innovative Rechtsprodukte. Was genau muss man sich darunter vorstellen?

SW: Es gibt sicher vieles, das an unserer Zusammenarbeit sehr innovativ ist. Wenn man aber den Blick über den Tellerrand der Rechtsberatung wagt, dann spiegelt unsere Kooperation die wirtschaftliche Entwicklung unserer Zeit: Digitalisierung und Automatisierung. Und wir sind einfach davon begeistert, dass wir unsere Arbeit mit den Werkzeugen unserer Zeit viel schneller und mit höherer Qualität erledigen können, als man sich das vor ein paar Jahren hätte erträumen können. Unterm Strich verhelfen wir Mandanten zu Schadensersatz und Schmerzensgeld und wollen dabei vorangehen und nicht hinterherhinken.

Foto: Adobe Stock/©Tierney