Open/Close Menu Wie Anwälte neue Chancen nutzen
Martina Bruder

Martina Bruder ist Vorsitzende der Geschäftsführung der Wolters Kluwer Deutschland GmbH. In dieser Funktion beschäftigt sie sich intensiv mit der Entwicklung des deutschen Rechtsmarkts und neuen praktischen Lösungen für Juristen. Im Interview berichtet Sie, wie sich die anwaltliche Arbeit und Recherche in den letzten Jahren verändert hat und mit welchen digitalen Lösungen Wolters Kluwer hier für Arbeitserleichterung und -optimierung sorgen möchte.

Frau Bruder, als CEO von Wolters Kluwer Deutschland beobachten Sie auch den Legal-Tech-Markt ganz genau. Inwiefern verändert sich die juristische Praxis in Zeiten der Digitalisierung?

Wir stellen fest, dass unsere juristischen Zielgruppen im Vergleich zu Experten in anderen Berufsfeldern und auch im internationalen Vergleich noch sehr printaffin sind. Gleichzeitig macht aber die Digitalisierung auch nicht vor der juristischen Praxis Halt. Kanzleien, Rechtsabteilungen und auch unsere Kunden im Öffentlichen Sektor wollen und müssen effizienter arbeiten und auch im Recruiting attraktiv bleiben. Hier spielt Technologie und digitales Arbeiten eine entscheidende Rolle. Wir unterstützen sie mit unseren Produkten dabei, in die digitale Transformation zu gehen. Zum einen, indem wir unsere Fachinformationen optimal digital auf wolterskluwer-online.de verfügbar machen. Im zweiten Schritt arbeiten wir an praxisnahen Expertenlösungen, bei denen wir Arbeitsschritte in der verwaltungsrechtlichen oder anwaltlichen Arbeit teilautomatisieren und so die Kunden direkt im Arbeitsprozess unterstützen.

Generell ist es so, dass die zunehmende Informationskomplexität und die sich ändernden Kunden- und Mandantenansprüche dazu führen, dass sich der Rechtsmarkt im Umbruch befindet. Das gilt für kleine wie für große Kanzleien gleichermaßen. Sie greifen daher zunehmend zu technologischen Lösungen, um besser und produktiver zu arbeiten. In welchem Ausmaß sie das tun, variiert jedoch stark. In unserer Studie „Future Ready Lawyer“ haben wir uns mit der Zukunft des juristischen Arbeitens beschäftigt. Es steht ja völlig außer Frage, dass die globale Zukunft des Rechts bereits in vollem Gange ist – und dass Technologie eine treibende Kraft für den Wandel darstellt. Juristen nutzen daher bereits jetzt zunehmend innovative und leistungsstarke Technologien, die sie dabei unterstützen, durch datengestützte Analysen und Erkenntnisse effizienter und produktiver zu arbeiten, bessere Ergebnisse zu erzielen und einen deutlichen Mehrwert für Mandanten und Kunden zu bieten. Juristen, die schon heute Technologie einsetzen und als „Early Adopter“ gelten, verfügen gegenüber Mitbewerbern bereits heute ganz klar über einen Vorteil, da sie schon jetzt rentabler arbeiten und besser auf bevorstehende Veränderungen vorbereitet sind.

Welche Softwareangebote halten Sie bei kleinen und mittelgroßen Kanzleien für besonders nützlich?

Als Basis ganz klar die klassische Organisationssoftware für die Kanzlei. Und hier sind sicherlich Cloud-Lösungen wie Kleos gerade für kleine und mittlere Kanzleien interessant, die nicht über die notwendige IT-Infrastruktur verfügen. Sie bietet zudem hohe Flexibilität und Sicherheit. Auch mit Dokumentenautomatisierungs-Software lässt sich schnell die Effizienz erhöhen, auch bei einer geringen Anzahl von Berufsträgern.

Seit letztem Jahr ist wolterskluwer-online.de auf dem Markt. Wie unterscheidet sich das Angebot von klassischen juristischen Datenbanken?

In der Umsetzung unserer neuen Strategie für den Geschäftsbereich Recht und den Öffentlichen Sektor war der Launch von wolterskluwer-online.de ein erster wichtiger Meilenstein. Hier finden Anwälte, Unternehmensjuristen, Notare und Beschäftigte in der Öffentlichen Verwaltung alle führenden Werke von Heymanns, Luchterhand, Werner und Carl Link Kommunal. Alle Angebote können dabei direkt digital genutzt werden oder über den integrierten Shop in gedruckter Form bezogen werden. Zudem bietet wolterskluwer-online.de Zugang zu unseren Softwarelösungen sowie weiteren innovativen Expertenlösungen für die tägliche juristische Arbeit.

Das Herzstück des Portals ist eine leistungsfähige und einfache Suche für die professionelle Recherche, die ganz auf die Mandats- und Fallbearbeitung ausgerichtet ist und daher viele praxisnahe Vorteile bietet. Unter anderem ordnet der Versionsvergleich Gesetzesfassungen nebeneinander an, so dass Änderungen auf einen Blick erkennbar sind. Zusätzlich lassen sich verlinkte Inhalte aus allen abonnierten Quellen direkt neben dem aktuell bearbeiteten Dokument anzeigen. Textteile, Urteile, Zitierungen und Dokumente können während der Recherche in Dossiers gesammelt werden und per Drag & Drop für die jeweilige Akte sortiert werden.

Inhaltlich werden unsere Fokus­Rechtsgebiete wie Notarrecht, Gewerblicher Rechtschutz, Insolvenzrecht und Baurecht, die auf unserer über 200-­jährigen verlegerischen Tradition in Deutschland basieren, durch ein umfassendes horizontales Basis­ bzw. Komplettangebot für den allgemein tätigen Anwalt bzw. Juristen und Mitarbeiter im Öffentlichen Sektor ergänzt.

Beobachten Sie Veränderungen in der juristischen Recherche?

Der enge Austausch mit unseren Kunden, auch in der Produktentwicklung und -weiterentwicklung zeigt uns, dass auch in der juristischen Recherche mittlerweile intensiv die Vorteile des digitalen Arbeitens genutzt werden. In der Vergangenheit war es jedoch so, dass die Anbieterseite unter digitalen Inhalten nicht mehr verstand als das „Buch hinter Glas“. Das werden wir ändern. Zum einen über innovative Recherchefunktionalitäten, zum anderen aber insbesondere über neue Content-Formate: z. B. digitale Arbeitshilfen, die aus einem Formularbuch eine intuitiv nutzbare Digitalfassung machen, aber auch über aktuellere, praxisnähere Inhalte, die einen deutlichen Mehrwert bieten gegenüber der bisherigen Vorgehensweise, nur in Neuauflagen zu denken.

Haben Sie bereits konkrete Produktideen, mit denen die Kanzleiarbeit erleichtert bzw. optimiert werden kann?

Wir arbeiten insbesondere an Expertenlösungen, die Juristen und Mitarbeiter im Öffentlichen Sektor in ihrer täglichen juristischen Arbeit, also direkt im „Workflow“ unterstützen. Erste Lösungen kommen in den nächsten Monaten auf den Markt. Zum einen CaseWorX Baurecht, eine digitale Lösung, mit der Baurechtler künftig vom Erstkontakt bis zum Abschluss des Mandats ihre Fälle bearbeiten. Kern der ersten Version sind vor allem die Sachverhaltserfassung und die Dokumentenanalyse. Gerade im Baurecht sind die Mandate oft sehr komplex und umfangreich. Selbst bei kleineren Bauvorhaben kommt man schnell auf einige Meter Aktenordner, durch die sich der Anwalt kämpfen muss.

Laut einer Umfrage unter rund 100 Baurechtlern wurde genau diese Sachverhaltserfassung als „unglaublicher Zeitfresser“ beschrieben. Genau hier erleichtern wir die Arbeit des Juristen und seine Recherche: Sämtliche Dokumente werden ins System hochgeladen und analysiert. Anschließend ist z. B. eine Filterung nach den beteiligten Gewerken oder Unternehmen oder dem Ausstellungsdatum des Dokuments sowie der Dokumentart (u. a. Angebot, Vertrag, Rechnung) möglich. Die Visualisierung erfolgt auf einem Zeitstrahl, sodass sich der Anwalt schneller einen Überblick verschaffen und in den Sachverhalt eindenken kann.

Neben unserer Expertenlösung für das Baurecht entwickeln wir derzeit auch in enger Zusammenarbeit mit mehreren Städten und Gemeinden eine Expertenlösung für den Öffentlichen Sektor: eGovPraxis kommt zunächst für das Sozialamt auf den Markt und unterstützt hier die Mitarbeiter direkt in ihrer täglichen Arbeit. Herzstück dieser Lösung ist die Integration lokaler Vorschriften in Kombination mit einer anwenderorientierten Aufbereitung komplexer juristischer Inhalte entlang einzelner Arbeitsschritte, so dass eine verlässliche Quelle für das Amt geschaffen wird.

Ideen haben wir noch viele weitere und etliche davon auch bereits in der konkreten Planung und Umsetzung – wir befinden uns in einer spannenden Zeit, in der es viel Spaß macht, die Zukunft des Rechtsmarktes aktiv mitzugestalten.

Frau Bruder, herzlichen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Nadia Neuendorf.

Foto: © Bussenius & Reinicke

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