Open/Close Menu Wie Anwälte neue Chancen nutzen
Legito

Verträge sind das täglich Brot des Juristen. Immer mehr Legal Tech-Unternehmen haben in der Automatisierung von juristischen Verträgen nun ein Geschäftsmodell gefunden. Das Startup-Unternehmen Legito hat sich genau auf diesen Bereich spezialisiert. Welche Vorteile diese Technologie Anwälten und deren Mandanten bringt, verrät Legito-Gründer und CEO, Ondrej Materna im Interview mit Patrick Prior.

Herr Materna, seit wann gibt es Legito und wo wurde die Firma gegründet?

Unsere Firma Legito wurde im Jahr 2014 in meinem Studentenzimmer in Brünn in der Tschechischen Republik gegründet. Mitte 2015 haben wir die erste kommerzielle Version unserer Legito-Applikation veröffentlicht. Zu dieser Zeit war das System nicht so umfangreich, weswegen wir uns nur auf kleinere Unternehmen konzentriert haben. Anfang 2017 wurde das System aktualisiert, um den Anforderungen  großer Anwaltskanzleien und den Rechtsabteilungen von großen Unternehmen zu entsprechen. Heute haben wir Niederlassungen in Frankfurt am Main, Wien, New York, Los Angeles, London und Barcelona und Partner in vielen anderen Städten.

Das klingt nach einer großen Erfolgsgeschichte. Könnten Sie das Konzept von Legito kurz beschreiben?

Unsere Applikation hat zwei mögliche Verwendungszwecke. Die erste Option ist, dass Anwaltskanzleien und Firmen Legito zur Erstellung eigener juristischer Dokumente für die interne Automatisierung verwenden. Die zweite Möglichkeit besteht darin, dass Anwaltskanzleien in unserer öffentlichen Sammlung automatisierte Vorlagen für Rechtsdokumente veröffentlichen, auf die jeder aus dem Internet zugreifen kann. Die erste Option wird von unseren Kunden in rund 40 Ländern genutzt. Die zweite Option, quasi die öffentliche Sammlung von automatisierten Dokumenten, wird  in momentan zwölf Ländern angeboten.

Wann begann das Geschäft in Deutschland?

Dokumente in der öffentlichen Sammlung sind in Deutschland seit Anfang 2017 erhältlich. Seit Anfang 2018 sind wir auch direkt in Deutschland mit unseren Spezialisten für Dokumentenautomatisierung im Einsatz, die sich um unsere deutschen Kunden kümmern. Sie wollen ihre eigenen Dokumente intern automatisieren.

Legito ist eine anwaltfreundliche Software zur Erstellung reaktionsfähiger Dokumente, die verstehen, wie ihre Autoren denken und sich automatisch anpassen.

Was genau bietet die Legito-Software?

Legito ist eine anwaltfreundliche Software zur Erstellung reaktionsfähiger Dokumente, die verstehen, wie ihre Autoren denken und sich automatisch anpassen. Mit anderen Worten, Anwälte können die Rechtsabhängigkeit einzelner Dokumentvorschriften direkt in Dokumente einfügen.

Neben dieser grundlegenden Funktion gibt es noch zahlreiche erweiterte: automatische, nicht-maschinelle Übersetzung, zweisprachige Dokumente, automatische Erkennung von Begriffen in Dokumenten und aktuelle Informationen über ihren bevorstehenden Ablauf, die Möglichkeit der Massengenerierung, Datenimport aus Excel oder aus anderen Quellen, wie zum Beispiel von öffentlichen Registern oder Systemen wie Sales Force, iManage, Hub Spot und SAP.

Die Vorteile bei der Nutzung von Legito sind eine enorme Zeitersparnis, geringere Fehlerhäufigkeit in den Dokumenten, die Übertragung von „Know-how“ innerhalb des Unternehmens, Schutz vor nicht autorisiertem Zugriff und die Vereinfachung von Dokumentenprüfungen.

Darüber hinaus enthält unser System auch Dokumenten-Management-Lösungen, bei denen Benutzer auf einfache Weise Dokumente gemeinsam nutzen, den Lebenszyklus von Dokumenten verwalten und den Inhalt von juristischen Dokumenten analysieren können. Der Vorteil besteht darin, dass die automatisierten Dokumente automatisch wichtige Informationen extrahieren können, die dann in das DMS (Dokumentenmanagementsystem) abgelegt werden, wodurch das teure und fehleranfällige Umschreiben entfällt.

Das klingt nach einer sehr umfangreichen Lösung. An wen richtet sich Legito in erster Linie?

Etwa die Hälfte unserer Kunden sind Anwaltskanzleien – Großkanzleien, aber auch kleinere Einheiten, die sich auf ein bestimmtes Gebiet spezialisiert haben und viele Dokumente in diesem Gebiet produzieren.

Die andere Hälfte sind die Rechts-, Personal- und Vertriebsabteilungen größerer Unternehmen, unabhängig davon, was sie tun. Außerdem Banken und andere Finanzinstitute, Buchhalter und Wirtschaftsprüfer, Immobilienagenturen und Personalagenturen.

Wie ist das Preismodell? Was kostet die Nutzung von Legito?

Man kann Legito ab 100 Euro pro Monat nutzen. Jedes Büro oder Unternehmen ist anders, also haben wir mehrere Preismodelle. Für einige Kunden ist der kombinierte Satz für Benutzer und generierte Dokumente komfortabler, für andere das Paketmodell mit Limits, die auf die Anzahl der Nutzer und den generierten Dokumenten basieren. Es kommt auch darauf an, ob der Kunde unseren sicheren privaten Cloud-Server nutzen möchte oder ob er Legito auf seinen eigenen Servern installieren will. Neben der Software biete ich unseren Kunden ein Team für die Dokumentenautomatisierung, welches ihnen beibringt, wie sie die Dokumente automatisieren können oder die anfallenden Dokumente direkt für sie automatisiert.

Legito-Nutzer können Dokumente viel schneller, kosteneffizienter und vor allem viel umfassender automatisieren.

Wie sind die Reaktionen der Kunden, die Legito bereits verwenden? Gibt es Lob, Kritik, Anregungen oder Wünsche?

Die Reaktionen von unseren Nutzern sind durchgehend positiv. Sie schätzen die Tatsache, dass sie Dokumente zu 100 Prozent ohne Programmierung automatisieren können, so dass sie keine Klammern und Befehle in den Text eingeben müssen. So sind sie in der Lage, Dokumente viel schneller und damit kosteneffizienter und vor allem viel umfassender zu automatisieren. Das Ergebnis ist eine Zeitersparnis bei der Dokumenterstellung und genauere Enddokumente. Wie bei jedem System gibt es natürlich noch einiges zu verbessern, und genau dabei helfen uns unsere großartigen Nutzer, indem sie uns eine Menge nützlicher Tipps geben und uns sagen, was für sie nützlich wäre.

Gibt es Pläne, Legito weiter auszubauen oder sogar neue Software zu entwickeln?

Sicher, wir haben einen Plan für anderthalb Jahre im Voraus. In naher Zukunft werden wir die Integration mit elektronischen und digitalen Signaturen hinzufügen, die Dokumentenbearbeitung im Verhandlungsprozess erweitern, inklusive Dokumentenänderungen direkt auf unserer Plattform, um vergleichen zu können, und wir werden Kommentare hinzufügen. Wir haben bereits ein komplettes Redesign für das Dokumentenmanagement fertig, welches im Laufe dieses Monats veröffentlicht wird. Danach haben wir vor, das maschinelle Lernen in die Dokumenteninhaltsanalyse einzubeziehen.

Ich denke, dass Anwälte und Technologie in Zukunft Seite an Seite arbeiten werden, sie werden nicht konkurrieren.

Wie siehen Sie die Entwicklungen im Bereich Legal Tech? Wie wird sich der Rechtsberatungsmarkt in zehn Jahren verändern?

Ich sehe die Zukunft der Automatisierung von Dokumentenerstellung darin, Dokumente mit externen Datenquellen zu verknüpfen, wie zum Beispiel mit den oben genannten öffentlichen Registern, und ich sehe Spielraum für die Entwicklung im Bereich der automatischen Dokumentinhaltsanalyse.

Ich denke, dass Anwälte und Technologie in Zukunft Seite an Seite arbeiten werden, sie werden nicht konkurrieren. Meiner Meinung nach ändert sich jedoch die Art und Weise, wie Anwälte arbeiten. In einigen Bereichen wird der Mensch immer unersetzlich sein, für andere wiederum werden die Anwälte Technologie so einsetzen, dass sie Zeit für wichtigere Aufgaben haben und ihren Mandanten einen noch besseren Service bieten können.

Ich glaube nicht, dass Anwälte durch Automatisierung ersetzt werden. Werfen Sie einen Blick auf andere Branchen, z. B. Steuerbüros. In den 80ern und frühen 90er-Jahren erlebten wir einen massiven Boom von Buchhaltungssystemen, aber gibt es deswegen weniger Steuerbüros? Nein, die Art der Arbeit der Buchhalter hat sich einfach völlig verändert,  sie haben sich automatisiert und somit eine Zeitersparnis erwirtschaftet, aber dies bedeutet nicht, dass die Buchhalter nicht mehr gebraucht werden. Im Gegenteil, Löhne und Gehälter müssen trotzdem gezahlt werden und dies machen weiterhin Lohnbüros, nur die Zuarbeit hat sich verbessert.

Die Automatisierungswelle kommt 30 Jahre später in den juristischen Bereich, weil wir als Anwälte, anstatt mit Zahlen, die einfacher zu automatisieren sind, mit Texten bzw. mit Sprache arbeiten. Deshalb war es nötig, auf andere Technologien zu warten. Jedoch denke ich, dass es sich für die Anwälte genauso auswirken wird, wie für den Buchhalter.

Ein anderes Beispiel ist die am weitesten verbreitete Automatisierung: die Ampel an der Kreuzung. Diese Automatisierung hat die Verkehrspolizisten völlig von den Kreuzungen abgezogen und ich denke die freuen sich darüber. Auch das hat nicht die Folge, dass die Verkehrspolizisten ihre Arbeit verloren haben oder überhaupt nicht mehr gebraucht werden. Es bedeutete, ihnen Raum zu geben, sich einer wertvolleren und vielleicht angenehmeren Arbeit zu widmen.

Keine Panik also, liebe Juristenkollegen. Diejenigen, die den Willen haben, Innovation in die Art und Weise einzubeziehen, wie sie Dienstleistungen erbringen, müssen vor nichts Angst haben. Im Gegenteil, es ist eine neue, große Chance.

Lieber Herr Materna, vielen Dank für dieses spannende und zukunftsweisende Interview.

Das Interview führte Patrick Prior. Er ist Jurist, Legal Tech-Experte und Inhaber der Legal Tech-Beratungsfirma Advotisement® und des Rechtsinformationsportals FAQ-Recht.de. www.advotisement.de

Foto: Fotolia.com/vladwel

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