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Exklusiv-Interview zum Lexalgo-Verkauf

Das Legal Tech-Unternehmen Lexalgo wurde gestern an die BRYTER GmbH verkauft. Als  Entwickler einer komplexen Entscheidungsautomations-Software ermöglichte das Startup anderen Unternehmen und Kanzleien, Prozesse zu automatisieren. Im Interview mit Florian Weiland, Geschäftsführender Gesellschafter von Lexalgo, fragt Branchen-Kenner Patrick Prior, welche Strategie hinter dem Verkauf steckt und wie sich die deutsche Legal Tech-Szene entwickeln wird.

Florian, Ihr habt Lexalgo verkauft, herzlichen Glückwunsch zum Exit! Für alle, die Euch nicht kennen: Was macht Lexalgo?

Lexalgo wurde 2012 gegründet als eines der ersten Legal Tech-Unternehmen, von Michael Grupp, Markus Knittig und mir. Die Idee damals basierte auf der Dissertation von Michael zum Thema Regelmodellierung: Damals begann der Hype um künstliche Intelligenz, aber während alle auf den Machine Learning-Zug aufgesprungen sind, haben wir früh gemerkt, dass sich im juristischen Bereich kurz- bis mittelfristig nur regelbasierte Lösungen einsetzen lassen. Ist ja auch klar: im juristischen Bereich gibt es kaum qualitativ ausreichende Daten. Unser Sitz war damals noch in Mainz. Später wurde der Sitz nach Darmstadt verlegt. Gemeinsam mit der European Space Agency (ESA) und mit Förderung durch das Land Hessen haben wir dann eine Regelmaschine entwickelt, mit der wir für Unternehmen häufige Prüfungsfragen abgebildet haben. Im Jahr 2015 kam auch noch eine medizinische Sparte dazu: Ein Modul, das wir mit dem Charité Universitätsklinikum entwickelt haben läuft weltweit bei der Diagnose von Prostatakrebs.

Zum Verkauf selbst – wie lief das ab? Seid ihr zufrieden?

Wir haben das schon eine Weile vorbereitet, Gespräche gab es konkret seit Sommer 2017. Dann war es am Schluss eigentlich nur noch eine Frage der Konditionen. Da ohnehin die meisten Leute an Bord bleiben und das Team weiterarbeitet, wollten wir eine Lösung, mit der alle wirklich leben können. Zu den genauen Konditionen haben wir Stillschweigen vereinbart, aber so viel kann ich sagen: Wir sind glücklich. Rein organisatorisch lief das ohne M&A-Beratung – das ist der Vorteil bei Legal Tech, da hat man immer Zugriff auf juristisches Know-how (lacht).

Wie geht es weiter mit Lexalgo? Was machen die Käufer damit?

Zunächst: Für die Kunden und Projekte ändert sich kaum etwas, Angebot und Dienstleistungen bleiben gleich oder werden besser. Aber intern wird einiges anders: Lexalgo wird neu aufgestellt. Unter der Marke Lexalgo wird in Zukunft fokussiert und ausschließlich beraten. Und ein Kern der Beratung bleibt die Implementierung von Legal Tech-Produkten und die praktische Umsetzung von Digitalstrategien. Weiterhin werden wir Automationslösungen anbieten und einbinden, die Software und Entwicklung kommt aber ab jetzt von BRYTER. Damit ist Lexalgo breiter aufgestellt, um die Bedürfnisse der Kunden nicht nur mit einer Lösung, sondern mit vielen Ansätzen ganzheitlich zu bedienen – das Know-how von Lexalgo als Legal Tech-Pionier kommt vielen in der digitalen Transformation zu Gute.

Was genau ist BRYTER?

BRYTERist ein Unternehmen mit Sitz in Berlin und Frankfurt. An dem Unternehmen ist Michael ebenfalls beteiligt, im Management sind noch weitere Unternehmer. BRYTER hat das größere Team und die größere Schlagkraft und eine internationale Perspektive. Die haben vor, die Lexalgo-Kerntechnologie umfangreich weiterzuentwickeln. Lexalgo war ja eher Agentur, BRYTER entwickelt die Software zu einem skalierbaren Tool und integriert sie in ihre AI-Plattform.

Wie siehst du den Markt und den Bedarf für Legal Tech-Produkte?

Ich sehe weiterhin großen Beratungsbedarf im Legal Tech-Bereich, kurzfristig sogar mehr noch als nach Produkten. Der Hype hat für ein verstärktes Bewusstsein gesorgt, jetzt geht es ans Umsetzen. Wir können das messen: 2012 und 2013 hatte den Begriff Legal Tech noch keiner gehört. 2014 und 2015 kamen dann immer mehr Anfragen. In den letzten beiden Jahren hatten wir vermehrt Anfragen nach eher futuristisch anmutenden Roboterlösungen. Jetzt wird das Thema wieder realistischer, aber dadurch besonders interessant. Die Digitalisierung in der juristischen Branche ist noch längst nicht abgeschlossen. Erst jetzt wird die Lücke zwischen Umsetzungsbedarf und verfügbarem Know-how sichtbar. Und die richtigen Werkzeuge zur Umsetzung zu finden, ist  nach wie vor ein Problem. Unser Editor und die BRYTER-Plattform sind da einer der wenigen Anbieter.

Was sind deiner Meinung nach die kommenden Trends?

Das ist schwierig vorherzusagen, wir sind ja fast betriebsblind. Dass sich große Trends wie Blockchain und Deep Learning nachhaltig durchsetzen, bezweifle ich. Ohne jetzt zu sehr Eigenlob zu betreiben, glaube ich wirklich, dass auch weiterhin Regel-Editoren und Decision Trees das Rennen machen. Auch langfristig werden erstmal hybride Ansätze marktfähig. Auf den Roboter-Anwalt werden wir noch lange warten.

Was war deine persönliche Motivation?

Als ich Ende 2013 zu dem Team kam, war Deutschland gerade voll im Startup-Fieber. Es war definitiv eine Option, statt einer Kanzlei ein Wachstumsunternehmen zu gründen. In der juristischen Branche waren wir da Vorreiter und das hat großen Spaß gemacht.  Auf der anderen Seite muss man auch klar sagen: Das war viel und harte Arbeit, kaum weniger als in der Großkanzlei. Ich hatte schon teilweise das Gefühl, auf viel Luxus verzichtet zu haben, zu Gunsten von Turnschuhen und Nerf Guns. Da war jetzt nach fünf Jahren Zeit, mal etwas anderes zu machen. Ich bin nach wie vor zugelassener Anwalt und im Beratungsgeschäft. Ich kann mir gut vorstellen, das zu vertiefen. Für die Übergabe bleibe ich erstmal eine Weile an Bord, was dann kommt, werden wir sehen.

Was würdest du anderen Gründern raten? Lohnt sich Legal Tech?

Unternehmertum lohnt sich immer! Auch im Legal Tech-Bereich – aber natürlich braucht es einiges an Markt-Know-how, um zu verstehen, was geht und was nicht. Das Rezept aus allen anderen Branchen, irgendwo AI draufzuschreiben oder einfach eine Plattform dahinterzustellen, funktioniert im Rechtsmarkt nicht (mehr). Und der heterogene und stark national begrenzte Markt verhindert viele skalierbare Modelle à la one-size-fits-all. Aber im Office-Bereich sehe ich noch Potenzial. Der Kommunikations- und Anwaltsdesktop-Bereich sollten dringend überarbeitet werden. Und dann die ganze Justiz – mit einer guten Schnittstellenlösung könnte man viel Einsparpotenzial heben. Und Bündelungslösungen und automatisierte Abwicklungen im Stile von Geblitzt.de sind noch gut möglich – am besten natürlich mit unserer Software. Woran viele nicht denken: In-House Projekte, bei denen Prozesse und Entscheidungswege beschleunigt und vereinfacht werden.

Vielen Dank Florian für das spannende Interview.

Über Lexalgo: Lexalgo wurde 2013 gegründet und unter anderem von der EU, dem Land Hessen und der CESAH gefördert. Ein Teil der Produktentwicklung erfolgte gemeinsam mit der European Space Agency (ESA) in Darmstadt. Das Unternehmen entwickelte eine mehrfach ausgezeichnete Entscheidungsautomations-Engine, mit der Unternehmen und Kanzleien auch auf komplexen Datengrundlagen Prozessautomationen entwickeln können. Mit dem Erwerb der Software-Plattform baut die Erwerberin ihr Produktportfolio weiter aus und will die Software auch internationalen Kunden zugänglich machen. Die BRYTER GmbH wird damit zum größten europäischen Anbieter regelbasierter Automationen im juristischen Bereich. Weitere Informationen unter lexalgo.com

Das Interview führte Patrick Prior. Er ist Jurist, Legal Tech-Experte und Inhaber der Legal Tech-Beratungsfirma Advotisement® und des Rechtsinformationsportals FAQ-Recht.de. www.advotisement.de

Foto: lexalgo.com

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