Open/Close Menu Wie Anwälte neue Chancen nutzen
Talking Legal Tech

Felipe Molina und Philipp Henkes vom Legal Tech Lab Cologne sprechen in ihrem Podcast „Talking Legal Tech” mit spannenden Gästen über die Digitalierung der deutschen Rechtsberatungsbranche und deren Folgen. Mit Johannes Klostermann, Head of Innovation and User Experience bei Wolters Kluwer Deutschland, sprachen Molina und Henkes über die Entwicklung des Legal Tech-Marktes in Deutschland – hier die Highlights des Podcasts.  

Philipp Henkes: Johannes, Du bist bei Wolters Kluwer Leiter der Abteilung „Innovation and User Experience“. Was sind deine konkreten Aufgaben und wie ‚geradlinig‘ muss ein Lebenslauf aussehen, um an diese Position zu kommen?

Johannes Klostermann: Geradlinig würde ich meinen Lebenslauf tatsächlich nicht ganz nennen. Nach dem Studium habe ich Menschenrechtsorganisationen beraten, insbesondere im Bereich  Anti-Rassismus, und bin im Anschluss erstmal Anwalt geworden. Ich habe dann Ausländerrecht zu meiner Domäne gemacht und eine eigene Kanzlei aufgemacht.

Als bei Wolters Kluwer ein Umbruch anstand, habe ich 2011 die Chance gehabt, als Assistent des damaligen Chefverlegers einzusteigen. In dieser Position habe ich rund drei Jahre gearbeitet, dann habe ich den Bereich selbst übernommen, war also Leiter des Bereichs Publishing für zweieinhalb Jahre. 2017 gab es eine größere Veränderung – wir haben eine neue CEO bekommen. Mit ihr habe ich mich ausgetauscht, welche Ideen ich für die Zukunft habe. Da es in diesem Zusammenhang in erster Linie darum ging, wie man anwaltliche Arbeit mit Hilfe von digitalen Produkten vereinfachen und gestalten kann, wurde ich Leiter unserer Innovationabteilung, die es seither gibt.

Diesen Bereich habe ich so aufgebaut, dass wir im Prinzip, wenn man über den Rechtsmarkt hinausguckt, state-of-the-art Industriemethoden einsetzen: Wir arbeiten mit Design Thinking, Lean Startup Methoden und nach Scrum. Das hängt davon ab, in welchem Stadium der Produktentwicklung wir uns befinden – dementsprechend interdisziplinär ist das Team auch aufgebaut. Wir haben UX Designer, Projektmanager, einen Legal Engineer, einen AI Specialist und einen Prototyping & Research Manager. Wir überlegen, was im Rechtsmarkt in Zukunft passieren kann, wie neue Produkte aussehen müssen und welche dieser Produkte wir von Wolters Kluwer anbieten wollen.

Für mich persönlich ist da das Hobby auch endlich mal zum Beruf geworden – Jura war sozusagen meine Profession und jetzt kann ich Jura und Technologie verbinden. Ich glaube, das vorhandene Interesse an beiden Themengebieten ist etwas, was man bei ganz vielen Protagonisten heute in der Legal Tech-Szene beobachten kann.

Philipp Henkes: Für welche Kunden bietet Wolters Kluwer Deutschland Inhalte, Softwarelösungen und Produkte an?

Johannes Klostermann: Wir sind relativ breit aufgestellt und haben ein breit gefächertes Kundenspektrum. Das ist durchaus historisch gewachsen, weil wir uns schon seit Jahren damit beschäftigen, wie sich der Rechtsmarkt digitalisiert. Eigentlich hat bereits mit dem Aufkommen der Anwaltssoftware in den 1980er/90er Jahren die Digitalisierung begonnen. AnnoText ist ein Produkt von uns, das gerade 40-jähriges Jubiläum gefeiert hat  und das würde ich auch als Legal Tech-Anwendung bezeichnen – das heißt, Legal Tech gab es auch schon vor 40 Jahren. Im Anschluss haben sich neue Produkte dazu entwickelt. Es gab ein Aufflammen von neuen Expertenlösungen in den 1980er Jahren, wo man versucht hat, mit Entscheidungsbäumen juristische Fragestellungen quasi automatisiert durchzuprüfen, was es auch heute wieder gibt. Um die Jahrtausendwende kamen dann die großen Datenbanken hinzu und diese haben heute sicherlich die breiteste Streuung.

Felipe Molina: Kann eine kleine oder mittelständische Kanzlei heute schneller einen Vorsprung durch den Einsatz von Legal Tech-Lösungen erreichen?

Johannes Klostermann:  Also die Tools sind da. Das kann man heute schon sagen. Die Frage ist: Wofür setzt man diese am effektivsten ein? Gerade als mittelständische Kanzlei muss man sich der Mittel bewusst sein, sowohl, was das Verständnis der Legal Tech-Anwendungen angeht, als auch der eigenen Prozesse und natürlich der finanziellen Mittel. Am meisten Sinn macht es, die eigenen Arbeitsprozesse als erstes zu analysieren und zu schauen: Wo gibt es Potenzial, besonders gut standardisierbare Prozesse anzugehen, die gleichzeitig für mein Geschäft besonders wichtig sind. Die Fokussierung auf ein bis zwei Prozesse macht zu Beginn durchaus Sinn. Hier sollte man sich die Fragen stellen: Was für ein Rechtsprodukt soll generiert werden und was ist die Beratungsdienstleistung? Oder im forensischen Bereich: Wo werden die meisten Mandanten vertreten? Diese Überlegungen sollten am Anfang stehen, wenn es um die Auswahl und den Einsatz von Legal Tech-Lösungen geht.

Philipp Henkes: Das heißt, eine Kanzlei muss im ersten Schritt die eigenen Prozesse und die eigenen Potenziale zur Optimierung definieren?

Johannes Klostermann: Ganz genau – und wichtig ist natürlich, sich darauf zu fokussieren, womit man sein Geld verdient.

Hier geht es zur ganzen Podcast-Folge. Alle Folgen von Talking Legal Tech sind auf anchor.fm/legaltech (ohne Registrierung) aufrufbar.

Foto: Adobe.Stock/©beeboys