Digitalisierung Einzelanwalt

Nils Bremann hat für verschiedene Kanzleien und Unternehmen gearbeitet, bevor er den Entschluss gefasst hat, sich als Anwalt für Start-ups selbstständig zu machen. Mit Erfolg betreibt er jetzt eine digitale Einzelkanzlei. Im Interview erzählt er uns von seinen Erfahrungen und verrät, wie er seine digitale Kanzlei aufgebaut hat und welche Tipps er an andere Einzelanwälte und Einzelanwältinnen weitergeben kann.

Herr Bremann, erzählen Sie doch zu Beginn kurz etwas über sich und Ihre Kanzlei: Wieso haben Sie den Entschluss gefasst, als Einzelanwalt tätig zu werden und wie arbeiten Sie?

Sehr gern. Ich habe nach Studium und Referendariat zunächst in verschiedenen Kanzleien und Unternehmen gearbeitet. Mit Ausnahme meiner letzten Station als Legal Counsel in einem großen Softwareunternehmen hatte ich immer das Gefühl, dass ich mich und meine Arbeitsweise stark an die Vorgaben der Kanzlei- oder Unternehmensphilosophie anpassen muss. Das hat mir nie so gut gefallen. Denn ich habe oft eigene und aus meiner Sicht pragmatische und realistische Ideen, Dinge zum Wohle meiner Mandantschaft umzusetzen. Das kam in den etablierten Strukturen der meisten Kanzleien und Unternehmen nie so gut an, bei meiner Mandantschaft aber schon. Daher habe ich für mich den Entschluss gefasst, mich selbstständig zu machen. Hinzu kommt, dass ich immer mehr nach Flexibilität und Freiheit gestrebt habe. Ich habe eine Familie und mir ist es wichtig, mehr Zeit mit ihr zu verbringen als mit meiner Arbeit. Und das funktioniert tatsächlich nur in der Selbstständigkeit.

Als Rechtsanwalt für Start-ups agiere ich vollkommen ortsunabhängig und betreue meine Mandantschaft zu fast 100 Prozent digital. Das funktioniert super, denn genau das ist von meiner Mandantschaft auch so gewollt. Mitarbeiter:innen habe ich nicht.

Mir ist es wichtig, klein und flexibel zu bleiben und keinen zu großen Kostenapparat zu schaffen.

Ich beschäftige Wissenschaftliche Mitarbeiter:innen und teilweise auch Referendar:innen. Alle auf Freelancerbasis.

Beim Stand der Digitalisierung stehe ich aus meiner Sicht – und diese Sicht ist immer geprägt von der Sichtweise meiner Zielgruppe – Start-ups – recht gut da, würde ich sagen. Ich bekomme viel Zuspruch für meine digitalen Auftritte auf Website, LinkedIn etc. und meine digitalen Prozesse. Bspw. habe ich auf meiner Website direkt ein Terminplanungstool integriert, mit dem sich jeder Interessierte einen Einzelberatungstermin oder einen Termin für meine Start-up Anwalt Sprechstunde buchen kann. Die Mandatsarbeit läuft über E-Mail, Videocalls und, wenn die Start-ups es so initiieren, dann auch über die entsprechenden Google- oder Microsoft-Kooperationsprogramme. Sie teilen ihre Dateien mit mir, zeigen mir ihr Geschäftsmodell über Wireframes und ich antworte ihnen direkt über diese Wege.

Sie beraten ausschließlich Start-ups und Gründer:innen – wie haben Sie es geschafft, sich in der Branche einen Namen zu machen und gerade zu Beginn ausreichend Mandate zu akquirieren?

Ich bin beim Start des Ganzen schon sehr überlegt vorgegangen. So habe ich mich seit 2016 bspw. Startup-Netzwerken angeschlossen, bin Mitglied in Coworking Spaces und Startup-Acceleratoren geworden und habe deutschlandweit Kontakt mit Vereinen und Institutionen aufgenommen, die im Bereich Start-ups agieren. Dort sind die Startups, also meine (damals künftigen) Mandantenunterwegs. Und ich wollte lernen mit welchen rechtlichen Themen sie zu tun haben. Das sind insbesondere die Themen Gründung, Markenanmeldung, AGB, Softwareverträge, Datenschutz, Mitarbeiterbeteiligung und Investorenaufnahme. Viele dieser Themen kannte ich aus meinen bisherigen bzw. begleitenden Stationen als Rechtsanwalt und Legal Counsel. Ins IT- und Datenrecht, was damals ein recht neues Feld für mich war, habe ich mich immer weiter eingearbeitet.

Mit dieser zielgenauen Herangehensweise und dieser spezifischen Expertise, gepaart mit meiner nahbaren und pragmatischen Art und Weise der Beratung sowie der Erstellung von juristischen Dokumenten, schaffe ich es, bei Start-ups gut anzukommen. Da ich in den ersten Jahren meines Daseins als Start-up Anwalt meist noch parallel in einer Festanstellung war, konnte ich den Aufbau des Ganzen entspannt angehen. Ich habe mich dann irgendwann vollständig selbstständig gemacht, als ich merkte, dass das Modell funktioniert. Heute werden Start-ups und Gründer:innen über Empfehlungen, meine Kooperationen oder einfach wenn sie irgendwas mit „Start-up“ und „Anwalt“ googeln, auf mich aufmerksam. Denn dann erscheint meist meine Website als erste in den organischen Suchergebnissen.

Was sind Wege, mit denen Sie nach der Akquise versuchen, die Mandanten und Mandantinnen in Ihrer Kanzlei bestmöglich zu betreuen und zu binden?

Um ehrlich zu sein tue ich das nicht aktiv. Denn: Meine Leistungen sind auf die Themenbereiche, die ich eben genannt habe, beschränkt. Natürlich sind das genau die Themenbereiche, die die meisten Start-ups in ihrem Wachstumszyklus interessieren. Das habe ich bewusst so darauf ausgelegt. Aber das führt auch dazu, dass ich meist nur für exakt diese konkreten Themenbereiche angefragt und beauftragt werde.

Was ich damit sagen will ist, dass ich nicht der typische Anwalt bin, der für jedes kleine Rechtsproblem eine Lösung gibt.

Ich versuche, stark in den von mir entworfenen Strukturen meiner Pakete zu agieren. Denn darin bin ich sicher und kann gute und valide Rechtsberatung anbieten.

Einigen Mandant:innen, mit denen ich meist auch persönlich mehr connectet bin, biete ich auch darüber hinausgehende Beratung an. Und in meiner Startup Anwalt Sprechstunde, die in der Regel wöchentlich stattfindet, beantworte ich auch Fragen abseits meiner Paketstrukturen.

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Auf Ihrer Website bieten Sie einen Shop an, über den Vorlagen und Musterverträge gekauft werden können. Auch die Rechtsberatung kann man zum Festpreis in verschiedenen Paketen kaufen. Wie sind Sie auf diese Idee gekommen und wie erfolgte die Umsetzung auf Ihrer Website?

Ich habe von Anfang an versucht, meine Leistungen als Rechtsanwalt, die üblicherweise geprägt sind von einer Beratung in einem individuellen Vertrauensverhältnis, zunehmend aber auch in Konkurrenz stehen mit rein digitalen Angeboten von Legal Tech-Unternehmen, zu dynamisieren und so in gewisser Weise zu skalieren. Ich habe früh gemerkt, dass die meisten Gründer:innen in Rechtsangelegenheiten sehr gerne einen Rechtsanwalt als Gesprächspartner haben.

Das Verlangen nach dem direkten Kontakt zu einem realen Rechtsanwalt ist weiterhin sehr groß.

Daher habe ich mich entschieden skalierfähige Produkte auf den Markt zu bringen und meinen Mandanten trotzdem die Sicherheit und das Vertrauen einer realen Kommunikation mit einem Rechtsanwalt anzubieten. Bei all meinen Paketen gibt es ein kostenloses und unverbindliches Kennenlerngespräch und im Verlauf der Beratung dann auch noch einen gemeinsamen Videocall für Fragen, Besprechungen etc. Genau das biete ich auch im Rahmen meines Shops für Musterdokumente an. Wenn jemand ein Musterdokument für einen relativ fairen Preis gekauft hat, hat er immer die Möglichkeit, bei mir ein Feedback-Paket zu buchen. Das Feedback Paket beinhaltet, dass man Fragen zum Musterdokument in einem Video an mich stellen kann und ich beim Ausfüllen unterstütze.

Die Umsetzung der Website sowie auch des Shops erfolgte durch zwei befreundete Media Agenturen in Münster. Mit ihnen zusammen mache ich alles Digitale. Sie unterstützen mich im Layout, in der Konzeption und in der Umsetzung. Ich liefere Texte, Bilder, Inhalte und wir erstellen zusammen die Prozesse. Ich bin sehr dankbar, solche tollen Agenturen in meinem Umfeld zu haben.

Ihre Kanzlei ist komplett digital aufgestellt: Welches Tool oder Anwendungen mit denen Sie arbeiten empfinden Sie dabei als besonders hilfreich?

Als hilfreichstes Tool kann ich tatsächlich Calendly bezeichnen. Dieses Tool, also der integrative digitale Kalender, über den Interessenten direkt über meine Website Termine für Video Calls bei mir buchen können, ist so hilfreich und lässt sich so flexibel einbinden, dass ich es als sehr gewinnbringend bezeichnen würde. Die Zugangsschwelle zu mir als Rechtsanwalt wird so sehr niedrig gehalten.

Was sind Ihre größten Herausforderungen im Arbeitsalltag als Einzelanwalt und wie versuchen Sie, diese zu bewältigen?

Die größte Herausforderung ist tatsächlich die ungeheure Flexibilität, die ich in meiner Arbeitszeit haben muss. Ich habe ständig 15 bis 20 laufende Mandate und entsprechende Pakete abzuarbeiten. Ich muss mich schnellstmöglich in die verschiedensten Geschäftsmodelle, Sachverhalte, Menschen reindenken und mit meiner Rechtsberatung zur Seite stehen. Das empfinde ich tatsächlich als sehr herausfordernd. Auch, wenn ich meist nur vier bis fünf Stunden pro Tag arbeite, ist diese Zeit schon stark von dieser Herausforderung geprägt.

Zum Abschluss: Haben Sie Tipps für andere Einzelanwälte und Einzelanwältinnen?

Ich würde eigentlich jedem, egal ob Einzelanwält:in oder Jurist:in Anstellung, empfehlen, zunächst zu überlegen, was die eigenen Ziele sind. Und zwar die Ziele, die sich nicht daran orientieren, was uns in der Uni als erstrebenswerte Ziele vermittelt wurde. Sondern die Ziele, die wir selbst im Leben haben. Wenn wir das erörtert haben, dann können wir versuchen, diese Ziele mit unserer Profession zu verbinden. Also zu schauen, wie wir unsere Ziele mit unserem Können, der Juristerei, übereinbringen können. Wenn wir dann etwas gefunden haben, was uns glücklich macht und was Gesellschaft und Umwelt hilft und ihr nicht schadet, dann können wir überlegen, ob es die Möglichkeit gibt, hierin rechtsberatend tätig zu werden. Wenn das auch noch möglich ist und wir erkennen, dass uns die Tätigkeit als Einzelanwalt Spaß macht, dann sollten wir es versuchen.

Vielen Dank für das Interview! 

Bild: Adobe Stock/©apinan

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