Open/Close Menu Wie Anwälte neue Chancen nutzen
Interview Sophie Martinetz

FUTURE-LAW ist Österreichs führende unabhängige Plattform für Legal Tech und Digitalisierung im Rechtsbereich. Legal-tech.de hat Gründerin Sophie Martinetz zum Interview getroffen und mit ihr über die Einstellung von Rechtsanwältinnen und Rechtswanwälten zum Thema Digitalisierung gesprochen und nachgefragt, wie der Weg zur digitalen Kanzlei verlaufen kann.

Was ist Future Law und was machen Sie?

Sophie Martinetz: Ich habe Future Law vor zwei Jahren gegründet als wir gerade am Anfang des Digitalisierungs-Hypes standen. Unser Ziel war es, das Thema Legal Tech auch nach Österreich zu bringen. Unsere erste Veranstaltung damals hieß: „Wer hat Angst vor Artificial Intelligence?“ und es war super. Daraus hat sich jetzt schon einiges entwickelt. Einerseits machen wir Innovationsmanagement für große Kanzleien und Rechtsabteilungen. Das heißt, wir bieten das Arbeiten mit Startups an sowie Accelatorenprogramme, Beratung, Begleitung und Vernetzung, besonders hinsichtlich der digitalen Strategie. Denn das ist am Anfang das Wichtigste: Eine sinnvolle Strategie. Erst im zweiten Schritt kommen IT-Tools zum Einsatz. Denn die Digitalisierung ist kein IT-Thema, sondern ein Strategiethema. Wir bieten hier das nötige Wissen und Kompetenz im Bereich „Legal“. Wir haben letztes Jahr auch die Umfrage „Der Anwaltsberuf 2035“ und dieses Jahr die Umfrage „Die Rechtsabteilung 2035“ durchgeführt.

Welche Erkenntnisse haben Sie durch Ihre Umfrage zum Anwaltsberuf 2035 gewonnen?

Sophie Martinetz: Vorneweg kann man sagen, dass die österreichischen Anwälte der Digitalisierung sehr offen gegenüberstehen. Auch dadurch, dass wir in Österreich eine recht lange Geschichte der Rechtsinformatik und Digitalisierung haben. Unsere Justiz hat sich dem Thema schon sehr früh angenommen. Die Anwälte kommunizieren zum Beispiel seit 1999 elektronisch mit den Gerichten. Dagegen wurde in Deutschland erst unlängst das beA eingeführt. Jedes Jahr werden so Millionen Dokumente ohne Probleme hin und her geschickt. Die Systeme sind mittlerweile zwar nicht mehr neu und erfordern den Schritt auf die nächste Stufe, aber im Großen und Ganzen ist die digitale Kommunikation eine sehr positive Erfahrung.

Um zurück zur Umfrage zu kommen: Für die 250 befragten Anwälte aus Wirtschaftskanzleien ist die größte Hoffnung im Zusammenhang mit der Digitalisierung, im ersten Schritt die internen Prozesse durch Technik und Automatisierung zu optimieren. Auch der Punkt mobiles Arbeiten wird immer wichtiger und hier erhofft man sich sinnvolle Lösungen.

Ebenso spielt die Frage, wie man neue Mitarbeiter bekommt und hält, eine wichtige Rolle unter den befragten Anwälten. Die Wünsche und Vorstellungen bezüglich der Arbeitsbedingungen beinhalten flexible Arbeitszeiten, Familienfreundlichkeit und erst weit dahinter überdurchschnittlichen Verdienst. Um Flexibilität zu ermöglichen, ist unterstützende Technologie notwendig.

Das dritte große Thema lautete: „Wovor haben Sie Angst?“. Die Antworten zeigen, dass die Anwaltschaft vor allem mangelnde Cybersecurity und Cyberangriffe, aber auch Fehlverhalten von Mitarbeitern befürchten. Daran sieht man, dass den Anwälten durchaus bewusst ist – Digitalisierung hin oder her – dass es darauf ankommt, ob die Leute mit der Technik umgehen können oder nicht.

Ein weiteres Ergebnis unserer Umfrage: Die meisten Anwälte gehen davon aus, dass es die E-Mail auch im Jahr 2035 noch geben wird. Zudem sind sie überzeugt, dass sie als Anwalt weiterhin eine wichtige Rolle spielen werden, sich die Beratung aber weiter spezialisieren wird. Vielen ist gleichzeitig bewusst, dass sie im ersten Schritt Investitionen tätigen müssen, welche erst auf Dauer ein höheres Einkommen zur Folge haben können.

Welche positiven wie negativen Erfahrungen haben Sie in Ihrer Arbeit mit den Kanzleien bezüglich Veränderungsprozessen gemacht?

Sophie Martinetz: Wir betreiben jetzt den Legal Tech Hub Vienna (www.lthv.eu) für die sieben Top-Kanzleien in Österreich. Diese sieben Kanzleien haben den LTHV gegründet und gehen auf das Innovations- und Digitalisierungsthema sehr offen zu. Sie sagen, wir müssen etwas tun, um schneller und effizienter zu werden und um den Markt mitzugestalten.

Kleinere Kanzleien müssen sich überlegen, wie kann ich meine Fehlerquote reduzieren und Prozesse verbessern? Früher musste sich ein Anwalt keine Gedanken darüber machen, wie sein Produkt, z. B. ein Gutachten, zustande kommt. Heute überlegt sich der Anwalt, wie komme ich zu dem Ergebnis, wer ist involviert, wie viel Recherche ist damit verbunden und wie viele E-Mails schreibe ich dafür? Dieser Prozess nennt sich „Unbundling“. Das heißt, man macht sich die einzelnen Arbeitsschritte bewusst, was zur Frage führt, wo man etwas anders und besser machen könnte. Das Produkt hatte früher wie heute eine hohe Qualität, doch wie kann ich die gleiche Qualität effizienter erreichen? In der Wirtschaft gibt es diesen Prozess schon seit 15 bis 20 Jahren und durch die Digitalisierung kommt er jetzt auch in die Anwaltschaft.

Viele Anwälte wünschen sich einen Standard, vergleichbar mit dem von Kanzleisoftware. Kommt jemand neu in die Kanzlei, kann er mit mindestens einem System der großen Softwareanbieter umgehen. Doch in Bezug auf Legal Tech der neueren Generation gibt es unzählige Tools, aber keine Standardanwendung. Man muss sich mehrere kleine Lösungen holen und das verursacht Stress. Zumal es schwierig ist, zu erkennen, was der richtige Mix ist, ob es Schnittstellen gibt usw. Ich vermute, dass sich der Markt in zehn Jahren konsolidieren wird und große Player Standards schaffen.

Welche Bedeutung spielt die Einbindung der Mitarbeiter in den Veränderungsprozess?

Sophie Martinetz: Soll ein neues Tool eingesetzt werden, zum Beispiel zur digitalen Signatur von Dokumenten, macht es Sinn, von Anfang an Workshops zu veranstalten, bei denen alle Betroffenen involviert werden. Der Anwalt hat eventuell eine Vision, aber die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen sind es, die genau wissen, wie ihre Arbeit aussieht. Der Anwalt macht einen Teil der Arbeit und die Mitarbeiter einen anderen. Da macht es einfach Sinn, sich gemeinsam hinzusetzen, das Problem, welches gelöst werden soll, zu betrachten und gemeinsam nach einer Lösung zu suchen. So ist auch die Akzeptanz von neuen Tools und Prozessen unter den Mitarbeitern deutlich größer.

Was war das Ziel Ihrer Future Law-Konferenz?

Sophie Martinetz: Wir haben letztes Jahr sehr viele Anfragen bekommen, was es auf dem Markt gibt und was die aktuellen Themen sind. Um dieses Interesse zu bedienen, haben wir die Future Law-Konferenz ins Leben gerufen und 2017 zum ersten Mal veranstaltet. Während der ersten Veranstaltung haben wir versucht, Technologien wie AI und Blockchain zu erklären. 2018 haben wir uns den Markt angesehen und überlegt, was man nun tatsächlich schon umsetzen kann. Es ging also darum, Lösungen zu präsentieren, die ein Anwalt in seiner Kanzlei sofort einsetzen kann.

Die erste große Herausforderung für viele Kanzleien ist, die interne Effizienz zu steigern. Innovative digitale Geschäftsmodelle und andere spektakulär anmutende Neuerungen kommen, wenn überhaupt, erst viel später. Bei der Optimierung von internen Prozessen durch Automatisierung geht es in erster Linie auch nicht nur darum, Geld zu sparen oder die Sekretärin zu entlassen, sondern darum, die stetig wachsende Menge an Arbeit bewältigen zu können. Sie können heute bei einer normalen Due Diligence nicht mehr manuell durch den gesamten Datenraum gehen. Früher hat man zwei Ordner bekommen und die hat man durchgelesen. Das war menschlich machbar, aber wenn Sie heute drei Festplatten in die Hand gedrückt bekommen, müssen Sie sich etwas einfallen lassen. Und auch der klassische Allgemeinanwalt ist bereits mit wachsenden Datenmengen konfrontiert. Die Mandanten wollen ausgiebig beraten werden, Vertrauen zu ihrem Anwalt aufbauen und zusätzlich bekommen sie eine Festplatte voller Daten und E-Mails. Und wenn sie dann auf einmal keine Zeit mehr haben, mit den Menschen zu sprechen, da sie damit beschäftigt sind, die Flut an Inhalten und Daten aufzuarbeiten, dann wird man den Anforderungen seiner Mandanten auch nicht gerecht. Daher ist es wichtig, sich zu überlegen, was muss ich selbst machen und was kann die Maschine übernehmen.

Vielen Dank für das interessante Interview, Frau Martinetz!

Das Interview führte Nadia Neuendorf.

Foto: Adobe Stock/slonme

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