Legal Tech 2023

2022 liegt hinter uns – Zeit, ein Fazit aus Legal Tech-Perspektive zu ziehen und einen Ausblick auf das neue Jahr zu wagen. Welche nennenswerten Ereignisse gab es in 2022 und mit welchen Legal Tech-Entwicklungen können Jurist:innen in 2023 rechnen? Eine Einschätzung liefern Maraja Fistanic und Valerie Keilhau, Vorständin bzw. Geschäftsführerin des Legal Tech Verbands Deutschland. Sie berichten von den Fortschritten der deutschen Legal Tech-Szene in 2022 und ihren persönlichen Highlights. Außerdem verraten sie, welche Themen für die Branche immer wichtiger werden – und warum ChatGPT kein bloßer Trend oder Ausreißer ist.

Wie haben Sie das Jahr 2022 aus Legal Tech-Perspektive wahrgenommen? 

Maraja Fistanic: Es gab viele spannende Entwicklungen im Jahr 2022, die wir im Legal Tech Verband nicht nur mitdiskutieren, sondern auch mitgestalten. Vor allem im politischen Bereich sind wir sehr aktiv, doch dazu später im Interview mehr. Eine der spannenden Entwicklungen, die schon in 2021 gestartet wurde, war die Fortsetzung zur Reform des Legal Tech Rechts („Gesetz zur Förderung verbrauchergerechte Angebote im Rechtsdienstleistungsmarkt“), um die entsprechende Aufsichtsstruktur zu reformieren. Um unseren Vorstandsvorsitzenden Philipp Plog aus seinem Eröffnungsstatement direkt zu zitieren: „Das Gesetz […] war ein Schritt zu mehr Vielfalt in der Rechtsberatung: weg vom überkommenen Anwaltsmonopol und hin zu einem offenen System, das unterschiedliche, auch niedrigschwellige Beratungsangebote schafft.“

Wie hat sich die deutsche Legal Tech-Branche aus Ihrer Sicht in den letzten Jahren entwickelt?

Maraja Fistanic: Die Legal Tech-Branche steckt nicht mehr in den Kinderschuhen. Was mit wenigen Initiativen seitens Großkanzleien und einer überschaubaren Anzahl an B2C-Startups mit Schwerpunkt auf Verbraucherrecht begann, ist nun ein weites Spektrum an Lösungen mit den unterschiedlichsten Akteuren des Rechtsmarkts als Zielgruppe. Es gab außerdem spannende Finanzierungsrunden und sogar ein Legal Tech-Unternehmen in der populären „Höhle der Löwen“. Der Gesprächsbedarf zum Thema „Invest in Legal Tech“ ist größer geworden.

Was waren Ihre persönlichen Legal Tech-Highlights in 2022?

Valerie Keilhau: Im September 2022 haben wir erstmals den „Legal Tech Day“ in Berlin ausgerichtet. Als Vertreter aller Akteure am Rechtsmarkt, ist es uns gelungen, die gesamte Legal Tech-Branche sowie Vertreter:innen aus Politik und Presse in Präsenz zusammenzubringen. Inhaltlich ging es um die Themen Digitalisierung der Justiz, Investitionen in Legal Tech und Talents. Wir haben so viel positives Feedback bekommen, dass wir jetzt schon an der Planung für den LTD 2023 sitzen. Als weiteres Highlight möchte ich die wachsende Offenheit für Modernisierung und Digitalisierung des Rechtsmarkts seitens der Politik nennen. In zahlreichen Gesprächen und Stellungnahmen stehen wir für die Interessen unserer Mitglieder gegenüber der Politik ein. So haben es gleich vier Legal Tech-Themen in den Koalitionsvertrag geschafft, deren Umsetzung wir aktuell begleiten. 2022 durften wir schließlich mit unserem ganz persönlichen Highlight beenden und unser 100. Mitglied im Legal Tech Verband Deutschland begrüßen.

Maraja Fistanic: Diese Highlights gehören definitiv auch auf meine Liste, ich kann aber sogar noch eins ergänzen: Als CMO und Gründerin von LegalTegrity (der digitalen Hinweisgeber- und Beschwerdelösung für den Mittelstand) hat mein Herz am 16.12.2022 noch einmal höher geschlagen, da an diesem Tag das Hinweisgeberschutzgesetz (HinSchG) vom Bundestag verabschiedet wurde. Keiner hat damit gerechnet, dass ein Reichsbürger-Skandal reicht, um ein schon über ein Jahr verspätetes Gesetz (Umsetzungsfrist war der 17.12.2021) noch kurz vor Weihnachten über die Ziellinie zu bringen. Dass unserer Lösung inzwischen über 1.000 Organisationen vertrauen, ist für mich ein persönliches Highlight des Jahres.

Ende 2022 gab es auch in der Rechtsbranche einen Hype um ChatGPT – einem Chatbot, der dank Künstlicher Intelligenz (KI) auch rechtliche Fragestellungen erstaunlich gut beantworten konnte. Wie schätzen Sie den deutschen Legal Tech-Markt ein – ist ChatGPT ein „Ausreißer“ oder werden mehr und mehr Legal Tech-Unternehmen in den nächsten Jahren ähnliche Anwendungen mit einer konversationsfähigen KI auf den Markt bringen?

Valerie Keilhau: In der Tat hat ChatGPT auch die Rechtsbranche überrascht. Der Gesprächsbedarf war und ist groß. Das hat sich an einem von uns ganz kurzfristig vor Weihnachten initiierten Gespräch mit über 200 Teilnehmer:innen gezeigt. Hierin ist klar geworden, dass ChatGPT mit Sicherheit kein bloßer Trend oder Ausreißer ist. KI wird die Arbeit aller Rechtsakteure am Markt verändern. Das muss aber nichts Negatives bedeuten, denn KI wird immer nur einen Teil der juristischen Arbeit ersetzen. Jurist:innen werden sich stärker auf ihre Core Values konzentrieren können.

Dass so schnell vergleichbare Chatbots auf den Markt kommen ist unwahrscheinlich. Hinter ChatGPT steht mit OpenAI eines der finanzstärksten und im KI-Bereich führenden amerikanischen Unternehmen weltweit. Dennoch sollten sich auch nationale Unternehmen, Verlage und Länder mit bestehenden Möglichkeiten auseinandersetzen. Gerade im Rechtsmarkt wäre es wichtig, die Daten zu kennen, mit denen ein Chatbot „trainiert“ wird.

Die Regierung hat in ihrem Koalitionsvertrag 2021 einige Pläne für Legal Tech und die Digitalisierung der Rechtsbranche festgehalten – u. a. soll der Rechtsrahmen für Legal Tech-Unternehmen erweitert werden. Sind Sie mit den Bemühungen bisher zufrieden und was erwarten Sie von der Regierung im nächsten Jahr in Sachen Legal Tech?

Valerie Keilhau: In unseren Gesprächen mit den im Rechtsausschuss vertretenen Politiker:innen wird das Bewusstsein für „unsere“ Themen sehr deutlich. Leider verlangsamen die aktuellen internationalen Herausforderungen auch die Arbeit im Rechtsausschuss. Ganz konkret umgesetzt wurde aber bereits die Zentralisierung der Aufsicht für Rechtsdienstleister, was wir sehr begrüßen. Und auch die Themen Erfolgshonorare, Fremdbesitzverbot und Reallabore stehen ganz oben auf der Agenda.

Wagen wir zum Abschluss einen Ausblick auf die Zukunft: Mit welchen Entwicklungen und Veränderungen können Juristen und Juristinnen realistischerweise in Sachen Legal Tech in diesem Jahr rechnen?

Maraja Fistanic: Auch wenn KI kein neuer Trend ist, hat ChatGPT meines Erachtens das Potenzial, vielen in der Rechtsbranche Tätigen die Augen zu öffnen und zu animieren, sich mit dem Thema zu beschäftigen – und zwar nicht mehr nur abstrakt (als Droh-Szenario des eigenen Berufsstands), sondern auf Basis der alltäglichen Arbeit.

ChatGPT zeigt, dass die Anwendung von Künstlicher Intelligenz die menschliche Überprüfung beziehungsweise die menschliche „Note“ nicht obsolet macht, es jedoch an vielen Stellen einiges an Zeit und Recherchearbeit sparen kann.

Der Trend zur Interdisziplinarität und „neuer Stellenangebote“ wird sich in 2023 fortsetzen, ob in Unternehmen oder Kanzleien. Positionen in Bereichen wie Legal Design und Legal Operations werden in Zukunft nicht mehr nur von den Großkanzleien ausgeschrieben.

Vor allem Rechtsabteilungen stehen vor neuen Herausforderungen durch neue rechtliche Anforderungen. Bspw. entwickeln sich im ESG-Kontext (ESG steht für Environmental Social Governance, Anm. d. Red.) gänzlich neue Facetten, für dessen Lösung und Umsetzung die Anwendung auch über den Legal Tech-Bereich hinausgehen.

Manche sprechen inzwischen schon von einem fragmentierten Markt, der für eine notwendige Skalierung mehr Konsolidierung benötigen würde. Ich denke, dass es mehr Konsolidierung der großen Anzahl an so genannten „Single-Purpose-Tools“ geben wird. Für die Endnutzenden ist letztendlich eine Integration der für sie relevanten Tools (plattformbasiert) das angestrebte Optimum. Ich bin gespannt, wie viel wir davon schon in 2023 beobachten werden.

Vielen Dank für das Interview!

Bild: Adobe Stock/©Nuthawut

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