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Rechtshandbuch Legal Tech

Prof. Dr. Stephan Breidenbach und Florian Glatz haben die zweite Auflage des Rechtshandbuch Legal Tech herausgegeben. An dem im Juni 2021 im Verlag C.H. Beck erschienenen Werk haben 36 Autorinnen und Autoren aus Anwaltschaft, Wissenschaft und Wirtschaft mitgewirkt. Der Zweitauflage wurden zwölf neue Beiträge hinzugefügt. Hier erfahren Sie, ob die Neuauflage lesenswert ist.

Das Buch umfasst über 400 Seiten, gliedert sich in zehn Kapitel und gibt nach einer Einführung in den Bereich Legal Tech einen Überblick über die Industrialisierung des Rechts, Künstliche Intelligenz und den Einsatz von Blockchain. Es folgen Kapitel mit konkreten Anwendungsbeispielen.

Die zweite Hälfte des Rechtshandbuchs legt den Fokus auf den Einsatz digitaler Instrumente in der Gesetzgebung und Justiz. Außerdem wird auf die Juristenausbildung im Bereich Legal Tech sowie auf Forschung und Methodenentwicklung eingegangen. Das Werk schließt mit einem Ausblick über die Zukunft des Rechts ab.

Ziel des Werks ist nach Angaben der Herausgeber, die Entwicklungen in den Bereichen Legal Tech und Blockchain „zu analysieren, zu systematisieren und kritisch zu begleiten”. Wer die Zielgruppe des Rechtshandbuchs Legal Tech ist, verraten die Herausgeber in ihrem Vorwort nicht. Im Hinblick darauf, dass die Thematik – nach Worten der Herausgeber das „Legal-Tech-Ökosystem” – sehr breit dargestellt wird, kann angenommen werden, dass auch die angesprochene Leserschaft einem ebenso breit gefächerten Spektrum entstammt.

Für Einsteiger und Fortgeschrittene geeignet

Was beim Lesen recht schnell auffällt, ist, dass sich die Inhalte teilweise wiederholen. Man gewinnt den Eindruck, als seien bereits veröffentlichte Artikel für das Rechtshandbuch wiederverwendet und nicht auf die anderen Beiträge des Werks abgestimmt worden. Außerdem variieren die Beiträge in ihrer inhaltlichen Tiefe sehr stark. Zum einen gibt das Rechtshandbuch einen sehr guten und breiten Überblick, zum anderen finden sich aber auch Beiträge, die Schlaglichter auf sehr spezielle Themen (beispielsweise die Automatisierung von Darlehensverträgen) werfen.

Damit eignet sich das Werk sowohl für Einsteiger als auch Fortgeschrittene, führt aber wohl auch dazu, dass die Leserschaft den ein oder anderen zu speziellen Beitrag übergeht. Das ist aber kein Nachteil. Vielmehr bietet das Werk dadurch viele verschiedene Blicke über den Tellerrand. Dennoch wünschenswert und für ein Rechtshandbuch „praktisch“ wäre es, wenn das Beschriebene in der vielleicht folgenden dritten Auflage optimiert würde.

Kritische Würdigung einzelner Kapitel

Ein gelungener Einstieg in die Thematik ist der Artikel über die Argumente gegen Legal Tech, die Stephan Breidenbach gewohnt brillant pariert. Weiter finden sich unterhaltsame Kapitel, wie das der beiden Legal Tech-Anwälte Gansel und Caba, die in ihrem Beitrag mit einem Augenzwinkern auf die Notwendigkeit des digitalen Fortschritts in Kanzleien aufmerksam machen.

Blockchain ohne Buzzwords

Der folgende umfangreiche Teil zum Thema Blockchain erläutert zunächst die technischen Grundlagen. Erfreulich ist, dass dann einige ausführliche Erklärungen und Anwendungsbeispiele folgen, die keine mit Buzzwords gespickten Phantasien aus dem Elfenbeinturm darstellen, sondern konkrete Lösungen vorstellen – beispielsweise zu den Themen Lieferkettengesetz, Corporate Governance, Finanzierung und Vertragsmanagement. Meinem Geschmack nach zu kurz kommt allerdings eine kritische Auseinandersetzung zu den Nachteilen der Blockchain-Technologie, wie ich es bei einem „Rechtshandbuch” erwartet hätte. Der enorme Strombedarf wird lediglich in einem Satz erwähnt. Der Umgang mit Manipulationsmöglichkeiten, die bestehen, bevor die Daten überhaupt in die Blockchain eingespeist werden, werden ausgeblendet. Vielleicht war es aber auch eine bewusste Entscheidung der Autoren und Autorinnen, sich auf die positiven Anwendungsmöglichkeiten zu konzentrieren.

Ungewöhnliche Einblicke in die legislative Arbeit

Die zweite Hälfte des Buchs widmet sich u. a. dem Gesetzgebungsverfahren und bietet ungewöhnliche Einblicke in die legislative Arbeit. Anschaulich schildern Breidenbach und Schmid das Potenzial von Visualisierungstools beim Einsatz durch Legisten. Konsequenterweise haben die Autoren die Arbeitsschritte mit abgebildeten Skizzen visualisiert. Enttäuschend ist allerdings, dass die Abbildungen schwer lesbar sind.

Vereinfacht Legal Tech wirklich den Zugang zum Recht?

Ein Kapitel verdient abschließend besonderes Augenmerk, da es einen sehr wichtigen Aspekt beleuchtet, der im öffentlichen Diskurs (noch) fast nicht vorkommt. Es handelt sich dabei um das Kapitel „Legal Tech für Alle! – Effektiver Rechtsschutz und Waffengleichheit für Reich und Arm durch Legal Tech: eine Gestaltungsaufgabe” von Tom Braegelmann.

Braegelmann legt den Finger in die Wunde. Er fragt, wie mit ausgeschlossenen Menschen umgegangen werden soll, „die zu arm, oder zu jung, oder zu alt oder zu krank oder einfach wenig kompetent” im Umgang mit Smartphones und Computern sind und damit relevante Legal Tech-Lösungen nicht nutzen können. Muss der Staat für diese Menschengruppe effektiven Rechtsschutz gewährleisten? Und wie kann man rechtspolitisch auf die Spaltung reagieren, die droht, wenn Highend-Legal Tech für Schutzbedürftige zu teuer wird und dadurch der vielgepriesene einfachere und günstigere Zugang zum Recht gerade für diese Gruppen in weite Ferne rückt?

Dankenswerterweise bietet Braegelmann sogleich Lösungsvorschläge an, die an dieser Stelle nicht genannt werden, da es sich lohnt, das Kapitel in Gänze zu lesen. Wünschenswert wäre jedenfalls ein öffentlich geführter Diskurs, um dem Thema mehr Sichtbarkeit zu verschaffen.

Fazit: Rechtshandbuch regt an, die juristische Arbeitsweise zu hinterfragen

Mit dem Rechtshandbuch Legal Tech hält man kein staubtrockenes Lehrbuch in den Händen. Im Gegenteil, das Buch macht neugierig auf weitere Innovationen aus dem Legal Tech-Ökosystem. Konkrete Handlungsempfehlungen sollte man nicht erwarten – aber interessante Praxisbeispiele, die dazu anregen, die juristische Arbeitsweise zu hinterfragen, findet man in dem Werk jede Menge. Insofern sollte das Rechtshandbuch auch nicht als Nachschlagewerk verstanden werden, sondern als Einblick in ein Ökosystem, dessen Potential noch längst nicht voll ausgeschöpft ist.

Prof. Dr. Stephan Breidenbach/Florian Glatz (Hrsg.), Rechtshandbuch Legal Tech, Verlag C.H.Beck, München 2021, ISBN 978-3-406-73830-2, 422 Seiten (mit Abb.), 129,00 EUR

Foto Buchcover: C.H. Beck Verlag