Bucerius Herbsttagung

Viele Menschen spüren nicht erst seit Inflation, Energiekrise und Co., dass wir in komplexen Zeiten leben. Da kam die diesjährige Bucerius Herbsttagung in Hamburg wie gerufen: Denn Herausforderungen bieten auch immer Chancen, Dinge anders zu sehen. Die Vorträge und Diskussionen der diesjährigen Herbsttagung taten genau dies. Sie regten zum Nachdenken an und gaben Impulse für das Arbeiten, Führen und Wirtschaften in komplexen Zeiten. Mit welchen Herausforderungen werden wir derzeit konfrontiert – und was kann helfen? Die wichtigsten Impulse von der Herbsttagung gibt es hier im Überblick.

1. Herausforderung: Die Märkte der Zukunft werden nicht mehr in Europa liegen

Die Tagung begann mit einem Impulsvortrag von Politikwissenschaftler und Ostasien-Experte Prof. Dr. Eberhard Sandschneider zum Thema: „Epochenbruch – geopolitische Herausforderungen für Unternehmen in Deutschland“. Die Bundesregierung arbeitet momentan an einer neuen China-Strategie mit dem Ziel, unsere Abhängigkeiten aufgrund von Menschenrechtsverletzungen dort zu reduzieren. Für deutsche Unternehmen wie Mercedes-Benz ist China aber derzeit mit einem Anteil von rund 35 Prozent am Gesamtabsatz der wichtigste Markt. Wie passt diese Strategie zur wirtschaftlichen Realität?

Zu Beginn seines Vortrags stellte Sandschneider die Frage, welches Land im Jahr 2050 das bevölkerungsreichste Land der Welt sein wird. Entgegen der Annahme, es sei Indien, klärte Sandschneider auf: Es wird Nigeria sein. Zu diesem Zeitpunkt werden wir (Europäer und Europäerinnen) nur vier Prozent der Weltbevölkerung ausmachen. Die Märkte der Zukunft werden somit nicht mehr in Europa liegen.

Diese Veränderungen bedeuten, dass wir mit vielen Menschen koexistieren und wirtschaftlich kooperieren müssen, die nicht in Demokratien leben – für diejenigen, die eine wertegeleitete Politik befürworten und bei Menschenrechtsverletzungen in China und Co. auf Konfrontation setzen möchten, ein Dilemma.

Wir müssen uns also gut überlegen, wie wir uns in Zukunft positionieren wollen. Da können laut Sandschneider drei Dinge helfen:

  • Diversifizieren (damit wir uns nicht nur von einem Land abhängig machen)
  • Lokalisieren (im Ausland selber für ausländische Kunden produzieren, um Sanktionen besser umgehen zu können) und
  • Duplizieren (Eigentumsverhältnisse aufspalten, um internationalem Sanktionsdruck zu entgehen).

2. Herausforderung: An Diversität kommt kein großer Player mehr vorbei

Auch das Thema Diversität stand auf der Agenda der Tagung. Je größer Einheiten werden, desto mehr beschäftigen sich diese mit dem Thema Diversity – weil sie ansonsten schlicht weniger Bewerbungen bekommen. Je mehr man jedoch in den Mittelstand kommt, desto weniger beschäftigen Kanzleien und Unternehmen sich mit dem Thema – weil sie das teilweise gar nicht müssen. Für eine der Diskussionsteilnehmerin, Dr. Andrea Panzer-Heemeier von der Kanzlei ARQIS, eine logische Konsequenz. Die Kanzlei wurde kurz vor der Finanzkrise gegründet: Man hatte keinen großen Bewerberpool, daher musste man auf alle Talente zurückgreifen, so die Anwältin.

Dr. Henriette Norda von der Großkanzlei DLA Piper hob hervor, dass das Thema nicht nur für Nachwuchstalente an Bedeutung gewonnen hat. Auch Kunden interessiere zunehmend, wer eigentlich an welchen Mandaten arbeitet – und sammelten teils Daten dazu.

Was die Diskussion um das Thema erschwert, ist, dass kein Konsens darüber besteht, wie weit der Begriff gedacht werden muss: Ist mit Diversität nur die Unterschiedlichkeit unserer äußeren Merkmale gemeint oder auch noch andere Dinge, die jeden Menschen einzigartig machen (die Art, wie ich arbeite oder wie ich ein Problem angehe)? Genau das sprach Sabrina Kadenbach, Head of Global M&A Tax bei Henkel aus. Diversität, so Kadenbach, fange im Kleinen an. Und das ist etwas Schönes: Denn Unterschiedlichkeit wird immer bleiben.

3. Herausforderung: Wie sieht gute Führung in komplexen Zeiten aus?

Den Nachmittag läutete Juristin, Diplom-Psychologin und Business Coach Prof. Dr. Madeleine Bernhardt ein. Anschaulich führte sie das Publikum in das Phänomen ein, dass Menschen Situationen immer basierend auf ihren vergangenen Erfahrungen interpretieren. Das hat auch seine Berechtigung, denn das schnelle Interpretieren von Situationen führt zu schnellem Handeln und schnelles Handeln sichert unser Überleben. Wenn aber die Komplexität zunimmt – etwa wenn ein Team wächst – reicht reflexartiges Handeln nicht aus.

Ein Beispiel: Wenn ein Team aus sechs Mitgliedern besteht, gibt es 15 Kommunikationsbeziehungen, so Bernhardt. Wächst ein Team, so steigt aber die Anzahl der Beziehungen und damit der Kommunikationsbedarf exponentiell an. Das führt dazu, dass es in einem Team mit elf Mitgliedern bereits 33 Kommunikationsbeziehungen gebe.

Die wichtigste Handlungsempfehlung, wenn Komplexität zunimmt, lautet: Observe your automatic thoughts. Folgende Fragen kann man sich dann stellen, bevor man impulsive Entscheidungen trifft:

  • Welche Handlungsimpulse nehme ich wahr? (Muss ich diese böse E-Mail schreiben?)
  • Wie ist die Datenlage? (Gibt es etwas, was ich nicht weiß?)
  • Welche „Story“ erzähle ich mir? (Könnte ich mich irren?)

Wenn wir dadurch herausfinden, was wir wissen (und vor allem was nicht), können wir nachhaltig bessere Entscheidungen treffen.

Führung in komplexeren Zeiten: Paradebeispiele für Erfolg

Wie nun gute Führung in komplexen Zeiten aussieht, dafür lieferten die letzten Referentinnen und Referenten inspirierende Impulse. An dieser Stelle soll jeweils ein Impuls jedes Redners vorgestellt werden.

1. Impuls: Menschen haben unterschiedliche Werte und Ziele im beruflichen Umfeld

Britta Alscher, Partnerin bei Pusch Wahlig Workspace Law betonte in ihrem Vortrag, dass Menschen unterschiedliche Werte im beruflichen Umfeld haben – während der eine das klare Ziel vor Augen hat, Partner zu werden, hat der andere abstraktere Ziele wie „bei der Arbeit glücklich sein“. Ihre Aufgabe sieht die Juristin nun darin, den individuellen Zielen der Arbeitnehmenden Raum zu geben – denn andernfalls werde die betreffende Person in ihrem Beruf ohnehin nicht florieren. Im Zuge dessen wurden zweistündige Gespräche mit den Associates eingeführt, in denen diese gemeinsam mit Alscher erarbeiten, welche Ziele sie haben und wie sie diese am Arbeitsplatz umsetzen können.

2. Impuls: Menschen machen keine Fehler, weil sie bewusst einen schlechten Job machen wollen

Dr. Karsten Hardraht, Chefsyndikus bei der KfW Bankengruppe, lieferte ebenfalls spannende Einblicke in seine Art zu führen. Ein wichtiger Impuls von ihm: „Ich habe mir abgewöhnt, persönliches Verhalten zu beurteilen“. Was bedeutet das? In vielen Unternehmen werden Fehler von Kolleginnen und Kollegen (auch hinterm Rücken) kommentiert. 85 bis 90 Prozent der Beschäftigten, so Hardraht, machten Fehler aber nicht, weil sie bewusst einen schlechten Job machen wollen.

3. Impuls: „Ich bin nur ein Teil des Teams, genauso wie die Assistenz“

Vortrag von Jan-Ove Becker

Den Abschluss machte Jan-Ove Becker, Partner bei vangard | Littler, der in seinem Vortrag viele zitierwürdige Aussagen machte. Als dieser sich beispielsweise Gedanken darüber machte, wie er eigentlich führen möchte, stand für ihn vor allem der Teamgedanke im Mittelpunkt: „Ich bin auch nur ein Teil des Teams, genauso wie die Assistenz“. Bei der Auswahl seiner Teammitglieder geht er sehr bedacht vor, z. B. lässt er bewusst eine sehr extrovertierte Person mit einem Mitarbeiter zusammenarbeiten, der sehr beruhigend auf andere wirkt.

Fazit: Eine rundum gelungene Veranstaltung

Obgleich der etwas bedrückenden Realisierung, dass wir in komplexen Zeiten leben, und uns herausfordernde Zeiten bevorstehen, hielt das Programm der Bucerius Herbsttagung, was es versprach: Es wurden wichtige Handlungsempfehlungen, Denkanstöße und Praxisbeispiele vor Augen geführt, die uns hoffen lassen, dass ein Navigieren durch komplexe Zeiten möglich ist – und uns dabei sogar zu besseren und kritisch denkenden, Arbeitskräften und Führungskräften macht.

Wie auf vielen Live-Veranstaltungen dieses Jahr war auch auf der Bucerius Herbsttagung ein Rückgang der Besucherzahlen zu beobachten. Daher möchten wir bei dieser Gelegenheit unseren Leserinnen und Lesern nahelegen, doch nächstes Jahr auch einmal vorbeizuschauen – es lohnt sich.

Bild: FFI-Verlag

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