Antidiskriminierungschatbot

Betroffene von Diskriminierungen trauen sich oft nicht, das Erlebte zu melden – sei es aufgrund fehlender Beratungsangebote oder Unwissen, welche Rechte ihnen zustehen. Meta ist der weltweit erste Chatbot, der sich diesem Problem annimmt und einen barrierefreien Zugang zur Antidiskriminierungsberatung schafft. Im Interview spricht Gründer Said Haider darüber, was das Ziel vom Antidiskriminierungschatbot Meta ist, wieso er zögert, es als Legal Tech-Startup zu bezeichnen und welche Tipps er Jurist:innen geben kann, die selbst ein Legal Tech-Start-up gründen wollen.

Said, du hast wie viele andere angefangen, ganz klassisch Jura zu studieren. Wie kam es dann dazu, dass du doch keine typische Juristenlaufbahn eingeschlagen hast?

Said Haider: Ich habe angefangen, Jura zu studieren, aus dem Grund, etwas bewirken zu wollen, d. h. die Gesellschaft mitzugestalten und zum Besseren zu verändern. Die juristischen Berufe, die ich mir während meines Referendariates angeschaut hatte, haben mir nicht den innovativen Spielraum gegeben, den ich gerne gehabt hätte. Meta war aber nicht geplant. Ich glaube, wer sich wirklich auf Innovation einlassen möchte, geht auch einen Schritt in das Unbekannte hinein.

Ich bin der erste in meiner Familie, der einen akademischen Abschluss gemacht hat und als Bildungs- und Sozialaufsteiger habe ich ein riesiges Interesse an materieller Sicherheit. Schon mit dem Ersten Examen in die Berufswelt zu gehen, kam für mich nicht in Frage, weil ich die Sicherheit haben wollte, auf dem Arbeitsmarkt alle juristischen Tätigkeiten ausüben zu können. Ich wusste in dem Moment zwar schon, dass mein Herz für andere Dinge schlägt. Mir war es aber trotzdem wichtig, die juristische Ausbildung insgesamt abzuschließen.

Was ist kurz zusammengefasst das Ziel von Meta?

S. H.: Ich glaube, das Ziel lässt sich am besten am Problem darstellen. Betroffene von Diskriminierung, die klären möchten, ob sie diskriminiert wurden oder nicht, und ob ihnen Rechte zustehen oder nicht, finden im Internet eine Fülle an Informationen, die allerdings noch so kompliziert aufbereitet sind, dass man ohne Vorkenntnisse seinen eigenen Fall nicht klären kann. Man braucht also Unterstützung. Und da es nicht genug Beratungsstellen gibt, um Betroffenen zu helfen, kam mir die Idee, einen Antidiskriminierungschatbot zu entwickeln, der diese Lücke schließt. Der Bot bietet Betroffenen drei Dinge: Zum einen, den Zugang zur rechtlichen Information. Zum zweiten, macht er Angebote sichtbar. Viele Betroffene wissen gar nicht, dass es in ihrer Nähe eine kostenlose Beratungsstelle gibt. Und drittens, wollte ich Betroffenen die Möglichkeit bieten, einen Vorfall zu melden und mit den gemeldeten Fällen eine Statistik rauszubringen, so wie wir es über das Coronavirus kennen. Also eine Art Wetterkarte.

Woher hast du dir die Expertise geholt, um den Chatbot aufzubauen?

S. H.: Ich hatte viel Unterstützung. Im letzten Jahr waren es über 15 Ehrenamtliche, die geholfen haben, das Projekt umzusetzen. Die allermeisten dieser Ehrenamtlichen haben einen technischen Hintergrund oder kommen aus dem Design-Bereich. Und ich bin, glaube ich, der Einzige im Team, der Jurist ist.

Als Jurist ein solches soziales Tech-Start-up zu gründen, erfordert Kollaboration.

Eine Lektion, die ich gelernt habe, war zu versuchen, die Dinge nicht alleine zu lösen. Sprich, ich habe mich nicht hingesetzt und ein Seminar in: „Wie code ich einen Chatbot?“ gemacht, sondern ich habe mich auf meine Stärken konzentriert und versucht, Leute für die Idee zu gewinnen, die wiederum die Fähigkeiten schon hatten.

Wie hat dir dein juristischer Hintergrund beim Aufbau des Start-ups geholfen?

S. H.: Auf unterschiedlichen Ebenen. Zunächst wird man als Jurist ernst genommen. Der zweite Punkt ist, dass mein soziales Tech-Start-up eine starke rechtliche Komponente hat. Im Kern geht es darum, Betroffenen Zugang zum Recht zu verschaffen. Und da hat natürlich die Bezeichnung Volljurist geholfen, weil die Leute mir vertrauen, ein Produkt mit einer Qualität zu schaffen, die juristischen Standards erfüllt.

Würdest du Meta auch als Legal Tech-Start-up bezeichnen?

S. H.: Ja. Der Grund, warum ich es trotzdem nach außen hin eher als Social Tech-Start-up kommuniziere, ist, dass wir nicht auf Profit aus sind. Und das möchte ich mit der Bezeichnung Social Tech verdeutlichen. Ich weiß nicht, ob es Legal Tech-Start-ups gibt, die gemeinnützig sind. Wenn das bekannter wäre, dann würde ich mir durchaus zutrauen, mich als Legal Tech-Vorhaben zu labeln. Aber da ich nicht mit den For-Profit-Start-ups in einem Topf geworfen werden möchte, bezeichne ich es nach außen als soziales Tech-Start-up.

Inzwischen gibt es das Angebot schon etwas über ein Jahr. Was sind bis jetzt deine bzw. eure Erfahrungen mit Meta?

S. H.: Im Moment würde ich uns noch nicht als Angebot bezeichnen, zurzeit sind wir noch ein Prototyp. Das heißt, das Ziel dieses Prototypen war es nicht, in erster Linie Betroffene zu beraten, sondern eher, Menschen dafür zu begeistern, uns zu fördern und in die Idee zu investieren. Und darum ging es uns im letzten Jahr. Wir sind sehr glücklich darüber, das auch erreicht zu haben. Und in diesem Jahr werden wir dann das erste Produkt rausbringen, das wirklich für Betroffene gedacht ist.

Tatsächlich war es aber so, dass Betroffene uns schon entdeckt haben. Und wir im letzten Jahr absichtlich keine Werbung gemacht haben, trotzdem aber schon über 1.400 Test-User:innen gehabt haben.

Was kann ein Chatbot heutzutage schon leisten und wo stößt der Bot an seine Grenzen?

S. H.: Abstrakt gesprochen möchten wir alles unterhalb der Klage abfrühstücken. Alles, was in den Bereich Litigation und Prozessführung geht – das sind harte Grenzen, die ein Chatbot nicht erfüllen kann. Und dann ist natürlich der Punkt erreicht, an dem man menschliche Rechtsberatung braucht.

Uns ist es wichtig, dass wir die Brücke hin zur analogen Beratung bilden.

Und wir gehen davon aus, dass es hier im Idealfall ein Zusammenspiel geben sollte. Ein Zusammenspiel in dem Sinne, dass der Antidiskriminierungschatbot Betroffene gut vorbereitet auf Gespräche mit Berater:innen.

Welche Tipps hast du für Jurist:innen oder Jurastudierende, die sich auch mit einem Legal Tech-Startup selbstständig machen wollen?

S. H.: Ich würde auf jeden Fall sowohl Jurist:innen als auch angehenden Jurist:innen nahelegen, Hackathons zu besuchen, die zu ihren Themen und Interessensgebieten passen und sich vertraut zu machen mit Technologie, Design und der Start-up-Kultur – Dingen, die man braucht, um ein solches Vorhaben zu starten. Ich sage gerne, ich habe mein Seepferdchen in Tech auf einem Hackathon gemacht. So habe ich ein Gespür dafür bekommen, was ich eigentlich brauche, um eine solche Idee umzusetzen. Auf einem Hackathon kann man innerhalb von kurzer Zeit, meistens innerhalb von 24 Stunden, eine Projektidee umsetzen – und macht in einem Sprint das durch, wofür man sonst mehrere Monate braucht.

Am liebsten hätte ich es natürlich, dass wir die Universitätslandschaft verpflichten, Legal Tech-Hackathons auszurichten, um die IT-Studierenden mit den Jura-Studierenden gleich zusammenzuführen und schon während des Studiums dieses Soft Skill zu vermitteln. Studierende bringen bei solchen Veranstaltungen die Zeit mit, Ideen umzusetzen und sich auszuprobieren. Und die geistige Gelassenheit, die man im Studium hat, die hat man später im Beruf nicht, weil die Verpflichtungen, die man sich aufbürdet und die Ansprüche, die man entwickelt, einfach andere sind. Und es ist teilweise frustrierend, dass wir Menschen, die uns volkswirtschaftlich voranbringen können, eher an Bulimielernen messen, anstatt ihre Kreativität auf den Prüfstand zu stellen. Ich befürchte nur, dass das nur ein weiterer Reformbaustein von vielen ist.

Vielen Dank für das Interview!

Das Interview führte Verena Schillmöller. 

Foto: Meta Bot

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