Open/Close Menu Wie Anwälte neue Chancen nutzen

Das Ziel des 1. Schweitzer Zukunftsforums: Veränderungen gut zu begleiten und sich gemeinsam mit den Kunden weiterzuentwickeln. Schließlich werden die Veränderungen vor dem Rechtsmarkt nicht Halt machen, erklärte Barbara Mahlke, Programmleiterin für Recht + Beratung bei den Schweitzer Fachinformationen. Unterschiedlicher hätten die Perspektiven, Ansätze und Fragen der Redner nicht sein können.

Markus Hartung: Wichtigster Querdenker der Szene

„Legal Tech nach dem Hype“ nannte er seinen Vortrag und verglich es mit der „Boygroup des Rechtsmarktes“: alle jubeln, auch wenn es nichts Neues gäbe. Jeder habe eine Meinung: „40 Prozent aller Juristen werden in vier Jahren von Technik ersetzt“. Das sei nur eine Meinung. Er wies auf Roy Amara’s Law hin: Die Fähigkeit von Technik zu überschätzen, aber die Auswirkungen total zu unterschätzen.

Es gebe eine Krise beim Zugang zum Recht, denn 70 Prozent der Bevölkerung gingen lieber nicht zum Anwalt, davon 80 Prozent bei den 19 bis 28-Jährigen. Diese suchten anwaltliche Dienstleistungen im Internet. Dort finden sie Startups, die das Problem des Verbrauchers schnell, kostenlos und mit höherer Qualität lösen.

Sein Fazit: Der Hype wird vorbeigehen, aber Technik und die vielen Tools werden bleiben. Was soll und kann durch Systeme erledigt werden? Insgesamt müssten die Arbeitsabläufe angepasst und teilweise völlig neu strukturiert werden. Hartungs Aufforderung: Wir müssen anders produzieren als früher und uns ein Beispiel am E-Commerce nehmen: Wie mache ich meinen Kunden glücklich?

Dr. Veronika Haberler: Dokumenten-initiierte Recherche

Die charmante Wienerin stellte LeReTo, ein Tool für juristische Recherche in Österreich vor, dass bald auch mit dem besonderen elektronischen Anwaltspostfach (beA) gehen würde ;-). Bisher sei die juristische Recherchearbeit immer noch ein Hauptarbeitsgebiet von Anwälten. LeReTo bietet Lösungen, um schneller zu Ergebnissen zu kommen. Seit letztem Sommer ist LeReTo in Deutschland in einer speziellen Form auch bei der Kanzlei Gleiss Lutz im Einsatz.

Statements und Impressionen vom Schweitzer Zukunftsforum sehen Sie in unserem Video:

Rechtsabteilungen: Auf dem Weg zu Legal Technology 3.0

Ralph Vonderstein, Geschäftsführer Recht bei Wolters Kluwer Deutschland (WKD) und Professor Dr. Peter Körner, Hochschule für Ökonomie und Management in Frankfurt, stellten die Studie von Corporate Legal Insights (CLI) und WKD vor. Mit einer Rücklaufquote von fast 60 Prozent antworteten 62 Rechtsabteilungen deutscher Aktiengesellschaften auf die Umfrage, die Grundlage der Studie bildet. Während die meisten Legal Technology 1.0, also den Einsatz von herkömmlicher Software als selbstverständlich ansehen, ist der Weg zu Legal Tech 2.0 und 3.0, der teil- oder vollautomatisierten Bearbeitung noch weit. Knapp 60 Prozent der Unternehmen haben keine Legal Tech-Strategie, jedoch sehen fast 70 Prozent Legal Tech als zukünftig festen Bestandteil innerhalb von Rechtsabteilungen.

Befragt nach den Chancen, verbinden rund 40 Prozent die Einführung von Legal Tech mit der Optimierung von Prozessen. Allerdings werde die Einführung nur gelingen, wenn die Skepsis der Mitarbeiter überwunden wird. Noch überwiege die Sichtweise, dass Legal Tech eine Bedrohung sei: Potentieller Arbeitsplatzabbau und IT-Sicherheit/Datenschutz werden von den Umfrageteilnehmern kritisch gesehen. Auch die Fehleinschätzung von Rechtsfragen durch automatisierte Ausarbeitungen wird als Risiko eingestuft. Dennoch glaubt ein Viertel der befragten Unternehmen, dass Legal Technology in den nächsten zehn Jahren bis zu 80 Prozent der rechtlichen Tätigkeiten unterstützen kann.

Legal Tech vereinfacht das Recht und den Zugang

Marco Klock, der CEO von edicted.de und Rightmart zeigte, dass Legal Tech bereits heute bestens funktioniert. 2015 hatte seine Kanzlei begonnen, die ersten Sozialrechtsmandate im Hartz IV-Bereich in hoher Stückzahl zu bearbeiten – mit Hilfe eines Google Sheets 5.000 Mandate. Die Mitarbeiter trugen auf 75 Spalten pro Mandant Daten zusammen. Erst danach wurde die Rightmart-Software entwickelt, mit der mittlerweile über 20.000 Mandate automatisiert bearbeitet wurden. Die Unterlagen werden stapelweise eingescannt und das System erkennt die Daten. Durch den Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) verbessern sich die Prozesse von selbst. Bei Rightmart arbeiten über 100 Mitarbeiter, auch Studenten und Referendare. Das Verhältnis Berufsträger zu Softwareentwickler ist 1 zu 1. Der Altersdurchschnitt liegt bei 25 Jahren. Klock betonte, dass man zwar Technologie brauche. Das Mindset, die Denkweise, sei jedoch entscheidend. Es gebe Kanzleien, die hätten nicht mal digitale Akten, um schneller und besser auf die Wünsche des Mandanten eingehen zu können. Gerade im Sozialrecht brauche man einen langen Atem, bis Geld fließt. Das komme zu 100 Prozent aus der Staatskasse und dem Jobcenter, der Mandant muss bei Rightmart nichts bezahlen.

Sein Fazit: Legal Tech sei weniger Tech als wir denken. Vielmehr müsse man den Mandanten glücklich machen: Was erwartet der Mandant? Dies steht im Fokus der Rechtsdienstleistung, die Rightmart in Echtzeit anbietet. Damit steige die Effizienz pro Mandat, die Qualität und die Marge der Kanzlei. Zudem steige das Service-Niveau und die Zufriedenheit der Mandanten. In Zukunft soll es außerdem noch eine Rightmart-App geben und die Plattform rightmart.de mit neuen Rechtsprodukten wie Bußgeld und BAföG erweitert werden.

Sporttauchlehrer oder Steuerberater?

Stefan Nowak von Haufe zeigte auf, dass Sporttauchlehrer bessere Zukunftsaussichten hätten als Steuerberater: Im Gegensatz zu Sporttauchlehrern könnten bei Steuerberatern von 11 Tätigkeiten schon 8 von Robotern erledigt werden. Angst sei jedoch kein guter Ratgeber, man müsse stattdessen bewusst seine Kanzleistrategie hinterfragen. Mit der nachstehenden Grafik verdeutlichte er die Bereiche, die dazu gehören:

Schweitzer Zukunftsforum_Legal Tech

Quelle: Präsentation Stefan Nowak, Haufe

Library & Information Services (LIS) goes Legal Tech

Die Kanzlei Gleiss Lutz, über 300 Anwälte an sieben Standorten, bezeichnet sich als „absoluter Vorreiter der Branche im Bereich Legal Tech“. Die Bibliothekarin Heike Paede führt bei Gleiss Lutz als Manager Library ein Team von zwölf Mitarbeitern und zeigte praxisnah, wie die Technisierung dort die tägliche Arbeitsweise beeinflusst, mehr Effizienz durch automatisierte Prozesse ermöglicht und zugleich das Projektmanagement lenkt.

Ihr Fazit: Künstliche Intelligenz kann die wissensintensiven Aufgaben von Menschen nur unterstützen, aber nicht komplett übernehmen. Legal Tech und LIS (Wissensquelle) bedeutet eine Steigerung der Qualität und Quantität der anwaltlichen Arbeit.

Auswirkungen von Legal Tech und KI im Kernbereich der juristischen Tätigkeit

Dr. Jens Wagner, Autor des Essentials „Legal Tech und Legal Robots“ informierte, worauf sich Großkanzleien einstellen müssen.

Sein Fazit: Legal Tech wird vor allem Effizienzsteigerungen bewirken und die Qualität der juristischen Arbeit verbessern. Die Arbeitsweise wird durch die Technik verändert. Rechtsanwälte in Wirtschaftskanzleien und Rechtsabteilungen können sich durch den Einsatz von Legal Tech stärker auf anspruchsvolle und strategische Fragen sowie auf künftige Entwicklungen fokussieren und so ihren Mehrwert für die Unternehmen steigern. Durch die Bedeutung der Technik werden die individuellen Anwälte in den Hintergrund treten und die Anwaltspersönlichkeit zunehmend durch die Marke ersetzt. Allerdings stehe der Einsatz von Legal Tech und Legal Robots im Kernbereich der juristischen Tätigkeit erst am Anfang und der durchgreifende Wandel werde nicht von heute auf morgen eintreten.

Transparenz rechtlicher Daten als Rechtsstaatsgebot

Nur ca. 0,5 Prozent der jährlichen amtsgerichtlichen Urteile werden veröffentlicht. Diese Praxis lässt sich kaum in Einklang mit den Anforderungen, die Bundesverfassungsgericht, Bundesverwaltungsgericht und BGH zur Veröffentlichung von Urteilen formuliert haben, bringen. Das Urteil ist – natürlich in anonymisierter Form – ein öffentliches Datum, dessen Veröffentlichung das Rechtsstaatsprinzip gebietet. Dr. Jan Stemplewski plädierte dafür, dass im Sinne der Verbraucher auch die amtsgerichtlichen Urteile veröffentlicht werden. Als Betreiber von Holiday Hero entwickelt er mit seinem Team gerade ein Tool für die Reisepreisminderung.

Wie sollen sich kleine und mittlere Kanzleien wappnen?

Die Vorträge und Beispiele zeigen, dass sich vorrangig Großkanzleien und Rechtsabteilungen mit dem Thema Legal Tech befassen. Das Anliegen des 1. Schweitzer Zukunftsforums, so der Geschäftsführer der Schweitzer Fachinformationen, Philipp Neie: Vieles sei noch im Verborgenen, daher sollen die Dinge, die für mittelständische Kanzleien von besonderer Bedeutung sind, herausgezogen werden, damit diese in der Breite diskutiert werden können, um in der Zukunft zu neuen Ansätzen zu führen.

Legal Tech steckt zwar teilweise noch in den Kinderschuhen, wer jedoch die Entwicklungen ignoriert, muss in Zukunft vielleicht damit rechnen, dass seine Rechtsgebiete durch technische Lösungen schneller und kostenlos für den Mandanten bearbeitet werden. Wer nicht zum Sporttauchlehrer umschulen kann oder will, ist gut beraten, sein Geschäftsmodell kritisch zu hinterfragen:

  1. Kann dieser Bereich durch Legal Tech verbessert werden?
  2. Welche Wettbewerber setzen bereits Legal Tech ein?
  3. Macht eine Kooperation Sinn?

Beginnen Sie mit einer Bestandsaufnahme. Wo können wir besser werden? Beziehen Sie Ihre Mitarbeiter ein und profitieren Sie von deren Ideen. Motivierte und qualifizierte Mitarbeiter unterstützen die Technologisierung und haben keine Angst, wegrationalisiert zu werden. In vielen Bereichen können bereits kleine Verbesserungen zu einem Vorteil führen. Bedenken Sie, dass der Mandant die Qualität der anwaltlichen Dienstleistung nicht beurteilen kann. Für ihn stehen Schnelligkeit und Kundenorientierung im Vordergrund. Schauen Sie über den Tellerrand. Bei welchem Dienstleister wurden Ihre Erwartungen übertroffen? Wie könnte diese Erfahrung auf Ihre Kanzlei übertragen und umgesetzt werden?

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