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Wie Legal Tech Jobs und neue Berufsbilder schafft – Unternehmensjurist Dr. Dierk Schindler im Interview

Dr. Dierk Schindler hat als Partner eine Kanzlei aufgebaut bevor er Unternehmensjurist wurde. Heute kümmert er sich um die internationalen Rechtsfragen des amerikanischen IT-Unternehmens NetApp. Im Interview verrät er, wie sein Unternehmen mit Legal Tech Zeit und Geld spart und warum kleine Kanzleien trotz geringerem Budget dennoch Vorreiter in Sachen Innovationen sein können.

Sie kennen sowohl die Arbeit als Unternehmensjurist als auch in einer Kanzlei. Geht man in diesen Arbeitsumfeldern unterschiedlich mit Innovationen um?

In mittelständischen Kanzleien sind Innovationen manchmal mehr ein Thema als in großen Unternehmen.  Der Konkurrenzdruck ist immens. Oft sind sie aber auch leichter umzusetzen, weil die Agilität in einer kleineren Einheit höher ist –  Sie kann sich schneller am Markt bewegen. Wenn sie als mittelständische Kanzlei Outsourcing-Partner oder Legal Tech intelligent nutzen, sind sie in der Lage, Mandate zu betreuen, die vorher ihre Kapazitäten überschritten hätten. Gleichzeitig können sie preisaggressiver agieren, weil die Kostenstrukturen in Großkanzleien deutlich anders sind.

Können Sie ein Beispiel aus der Praxis nennen?

Nehmen wir umfangreichere M&A-Transaktionen: Kleine Kanzleien haben hierfür normalerweise nicht genug Manpower. Aber mit einer Software eines validen Anbieters, vielleicht gepaart mit einem Legal Process Oursourcer (LPO) kann sie auf einmal große M&A-Transaktionen machen. Sie muss nämlich „nur noch“ die juristische Kernkompetenz draufsetzen und kann große Teile der Due Diligence outsourcen. Derartige Chancen gab es früher kaum.

In mittelständischen Kanzleien sind Innovationen manchmal mehr ein Thema als in großen Unternehmen. Ort sind sie aber auch leichter umzusetzen, weil die Agilität in einer kleineren Einheit höher ist.

Wo hat Ihnen Legal Tech in Ihrem Arbeitsleben geholfen?

Vor knapp einem Jahr haben wir angefangen, eine AI-Lösung einzuführen, die uns bei der Erfassung und Analyse von Verträgen enorm viel Arbeit abnimmt. Verträge, die wir früher geschlossen haben, wurden manuell analysiert, also Kerndaten wie Preis, Parteien oder Laufzeit herausgefiltert. Das war ein relativ hoher Aufwand, der laufend vier bis fünf Kollegen beschäftigt hat. Die durchschnittlich veranschlagte Zeit waren zwei bis drei Tage. Heute können wir die Datenanalyse innerhalb von 20 Minuten von der Software erledigen lassen und zwar nicht nur anhand der Kernkriterien, sondern dynamisch. Das heißt, wir können individuell bestimmen, welche Daten das Programm extrahieren soll. Legal Tech ermöglicht hier eine enorme Kosteneinsparung und einen viel breiteren Einblick in die Vertragsdaten! Wir haben also damit nicht nur Zeit gespart, sondern auch die Qualität verbessert.

Wo kann eine kleine Kanzlei ansetzen, die für sowas kein Budget hat?

Da sollte man sich zunächst einmal folgende Frage stellen: Mit welchen Partnern kann ich kooperieren? Die Lösung ist nicht immer, etwas Neues anzuschaffen, sondern oft ein Ökosystem aus Kooperationspartnern. Wo ist der Partner, mit dem ich das machen kann? Dabei geht es nicht zwingend oder primär um Technik. Vielleicht muss man die Dinge auch ganz anders machen und erstmal den Prozess analysieren. Unabhängig davon werden für mittelständische Kanzleien auch cloudbasierte Systeme wichtig sein, weil sie dadurch Kosten sparen können.

Verändern die neuen Technologien das Berufsbild des Rechtsanwalts?

Ich glaube, dass es früher oder später neue, sehr spezialisierte Berufsfelder geben wird – vielleicht sowas wie einen Legal Operations Manager oder einen Legal Data Scientist. Sie werden als Schnittstelle zwischen Rechts- und IT-Abteilung agieren. Ihre Aufgabe wird es sein, technologiebasierte Prozesse einzuführen und diese ein Stück weit zu beherrschen. Ich glaube aber auch, dass der Beruf des Konzernanwalts weiter an Bedeutung gewinnen wird. Das ist ja heute schon ein Berufspfad für Associates, die beispielsweise keine Partner in Sozietäten sein wollen. Auf lange Sicht werden sich also immer mehr Karrierechancen für Menschen entwickeln, die keine klassischen Anwälte sein wollen, aber innerhalb der Juristerei bleiben möchten. Ich sehe das als eine Riesenchance. Man muss unbedingt auch den positiven Aspekt sehen, dass durch neue Technologien nicht nur Jobs vermeintlich verschwinden, sondern durch sie auch neue entstehen!

Man muss unbedingt auch den positiven Aspekt sehen, dass durch neue Technologien nicht nur Jobs vermeintlich verschwinden, sondern durch sie auch neue entstehen!

Ist die klassische Juristenausbildung veraltet?

Nun, sie deckt schlichtweg die neuen, immens relevanten Bereiche nicht ab. Ich spreche immer wieder mit Professoren darüber. Es ist heute immens wichtig, sich laufend fortzubilden und das ist Aufgabe von Kanzleien und Rechtsabteilungen in Unternehmen. Aber auch die Universitäten müssen draufsatteln: die Digitalisierung kommt zu kurz, zum Beispiel Verfahren zum Wissens- und Dokumentenmanagement, aber auch betriebswirtschaftliche Aspekte und Outsourcing. Wie manage ich eine Kanzlei? Welche Technologien gibt es und wie führe ich sie ein? Eine zeitgemäße Juristenausbildung muss diese Kompetenzen unbedingt berücksichtigen. Das ist aber auch ein Aufruf an Praktiker diese neuen Erfahrungen & Kompetenzen in die Universitäten hineinzutragen.

Eine zeitgemäße Juristenausbildung muss diese Kompetenzen unbedingt berücksichtigen.

Herr Dr. Schindler, ich danke Ihnen für das Gespräch!

Das Interview führte Bettina Taylor

Foto: Fotolia/Konstantin Hermann

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